Es ist schon ein paar Monate her, dass ich die Kleins das letzte mal getroffen habe, und zwar zufälligerweise genau an dem Platz, an dem ich sie auch das erste mal fotografiert habe. Natürlich sind wir seitdem alle ein Lebensjahr älter geworden; für Herrn Klein bedeutet das, dass er inzwischen 99 Jahre alt ist. Darüber werde ich auch gleich zu Beginn unseres gestrigen Gesprächs informiert, und es ist mir eine Freude zu sehen, wie sehr Herr Klein sich freut. „Noch immer,“ so verrät er mir, „lerne ich jeden Tag einen …
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Kuaför
Seit 60 Jahren ist Mustafa Okutan nun Damen und Herren-Frisör. Mit 17 ist er in die Lehre gegangen, in Istanbul, Beyoglu. Während meiner Istanbul-Reise habe ich in diesem Stadtteil gewohnt, und sofort fühle ich mich auf eine Weise mit seinem Leben verbunden, die beinahe absurd ist.Eigentlich ist Beyoglu vergleichbar mit Köln Ehrenfeld, wo Mustafa seit inzwischen 20 Jahren seinen Salon auf der Venloerstasse hat. Direkt gegenüber befindet sich das Schwesterherz, ein Cafe in dem eher die Trendszene des Viertels verkehrt. Ganz nah beieinander …
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Nicht einfach wild drauflos helfen
Als Herr M. noch gearbeitet hat musste er immer sehr früh aufstehen. Es lag ihm viel daran pünktlich zu sein, um so auch seinen Mitarbeitern mit gutem Beispiel voranzugehen: „Morgens am Küchentisch hing, mir direkt gegenüber, eine große Uhr.“ Seit ein paar Jahren ist er nun in Rente; Herr M. ist 70 Jahre alt. Dass ihm die Uhr jetzt keine Vorgaben mehr macht, das genießt er: „In Ruhe Zeitung lesen zu können ist schon toll.“ Herr M. war über 40 Jahre lang Sozialarbeiter, die meiste Zeit hat er mit ehemaligen …
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Der 54. November
„Ich bin echt zu alt, um eine Arbeit zu machen, die mir keinen Spaß macht; das hat neulich ein Freund von mir gesagt.“ erzählt Jakob, und das ist auch gleichzeitig seine Antwort auf meine Frage, was ihm im Leben wirklich wichtig ist. Jakob ist Licht- und Tontechniker für Veranstaltungen; zum Beispiel tourt er mit dem Chaostheater Oropax, das wetter-passenderweise eine Bühnenshow mit dem Titel: „Der 54 November“ im Programm hat. Er ist auch regelmäßig beim Zelt-Musik-Festival in Freiburg dabei, übrigens die Stadt …
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Polyestershock
Als ich Anna das letzte mal getroffen habe war sie gerade auf der Suche nach einem Ladenlokal in Köln Ehrenfeld. Voilá, hier ist es nun. Vor 2 Monaten schon hat sie ihren kleinen Laden eröffnet, in dem sie gut gelaunt und wohlsortiert Mode vergangener Jahrzehnte anbietet. Namensgebend ist dabei die Lieblingsfaser der 60er und 70er: Polyestershock, so steht’s draussen angeschrieben, und bei Dawanda finden auch vintageaffine Nicht-Kölner Zugang zu ihren Textil-Preziosen. Wer allerdings live bei ihr im Laden ist hat ganz klar zwei …
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Alt aussehen
Ali Kemal, 70 Jahre Menschen, in deren Gesicht die Spuren des Lebens offenbar sind und sein dürfen, vermitteln neben Würde und Schönheit für mich noch etwas anderes; sie beruhigen. Soviel Erfahrung und Gelassenheit kann man in diesen Gesichtern finden, dass man sich auf diffuse Weise sofort ermutigt fühlt, für was auch immer.In der letzten Zeit scheinen auch die Redakteure von Modemagazinen ihr Blickfeld etwas über den Jugend-Tellerrand hinaus erweitert zu haben. Die Herbst/Winter-Ausgabe 2010 der Vogue Hommes International hat …
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Jobsuche
Sechs Jahre lang hat Charles in einem der feinsten Hotels am Platze als Küchenhilfe gearbeitet. Dann hat er einen neuen Vorgesetzten bekommen, und da hat irgendwie die Chemie überhaupt nicht gestimmt. Nun ist Charles seit 4 Monaten arbeitslos, und darüber ist er gar nicht glücklich. Weil ich so genau nachfrage was er denn gearbeitet hat, fragt er auch genau nach: „Hast Du Arbeit für mich?“ Als ich ihn treffe ist er gerade auf dem Weg ins Allerweltshaus in Ehrenfeld. Dort will er sich helfen lassen, Bewerbungsschreiben …
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Regen-Reigen
Erdogan ist in Istanbul geboren und hat dort 22 Jahre gelebt. Dann ist er nach Cambridge gegangen um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Dass sein Kleidungsstil durchaus englisch anmutet ist aber purer Zufall, meint er. Nun lebt Erdogan in Köln und ist „…in der Automobilbranche tätig.“ Er ist Inhaber einer Zuliefererfirma für Autoteile. Auf meine Frage was er im Leben wirklich wichtig findet antwortet er nach kurzem überlegen mit schelmischem Blick: „Ehrlichkeit“. Natürlich erzähle ich ihm …
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Ready or not…
Analog trifft digital; B. hat nichts dagegen dass ich ihn fotografiere, wenn er auch ein Foto von mir machen darf. Die kleine, feine Leica passt in seine Hosentasche und auch obwohl er nur eben schnell mal aus dem Haus ist, hat er sie dabei. B. ist Teil von Undenk, einer international agierenden (jaa-woohl!) Streetartgruppe mit eigenem Wikipedia-Eintrag, Hang zu Philosophie und Guerilla-Ironie und einem Hasen namens Winston. B. hat außerdem einen Fotoblog mit wunderbaren Bildern; neben viel Streetart auch kleine Preziosen des Alltags, …
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Eisschwimmer
Eigentlich spreche ich dieses Paar an, weil mich der Jacken-Partnerlook neugierig macht. Allerdings reden wir fast sofort über ein ganz anderes Thema; die beiden sind nämlich passionierte Eisschwimmer. „Da hinten“ sagt Frau M., und zeigt den Strand hinunter, „da ist unsere Bank. Da gehen wir jeden Morgen hin, legen unsere Sachen ab und gehen ins Meer.“ Vor 12 Jahren haben sie das Eisbaden für sich entdeckt und finden es großartig. „Nach ein paar Minuten fängt es in den Fersen an zu kribbeln, wann sie aus dem …
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Eisgewalt
Mit der Schaufel befreit Herr R. die Pfosten des Stegs vom Eis: „Da steckt eine Gewalt hinter, das können Sie sich gar nicht vorstellen.“ Gut 30 cm dick sind die Eisschichten, die ans Ufer und den Bootssteg drücken. Herr R. tut was er kann, aber er vermutet, dass am Ende die Pfosten so schief stehen werden, dass er den Steg neu aufbauen muss. 1958 hat Herr R., der hier groß geworden ist, Usedom verlassen, und damals war er sich nicht sicher ob er jemals zurückkehren würde. „Ich hab eigentlich nicht geglaubt, dass es …
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Schnee, Ahoi
Viel Musik und wenig Worte; mit einem herzlichen Abschieds- und einem entspannten Willkommens-Ahoi winke ich mitten im Schnee in beide Jahresrichtungen. Später werde ich eine Wunderkerze abbrennen, ein kleiner Moment ganz für mich alleine, das mach ich immer so. Gute Vorsätze hab ich keine, und in einer Neujahrsmail die ich heute bekommen habe, stand in robusten Worten auch eine schöne Erklärung dafür: „Der Beginn eines Jahres ist kein kranker, oller Gaul, den man nach Belieben beladen kann. Davon bricht er garantiert …
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Kleine Nachlese
Heute gibt’s zur Abwechslung nur wenig Text und dafür viele Bilder. Die sind alle im Verlauf des sich dem Ende entgegen neigenden Jahres entstanden, und nun ist es, wie ich finde, Zeit, dass sie mal vor die Tür kommen. Um sie zu machen bin ich ja schließlich auch vor die Tür gegangen, und rückblickend, wie man das so macht am Jahresende, kann ich sagen; es war schön dort, also vor der Tür. Draufklicken macht die Bilder groß und hier geht’s los und weiter… For a change today I post less text, but many photos. All of …
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Gasthörerin
Bei Einbruch der Dunkelheit kommt mir mit flinken Schritten Frau S. entgegen. Auch wenn sich hier das Pflaster eisfrei zeigt, kaum einen Meter weiter wird der Weg zur Rutschpartie. „Ich hab mal Judo gemacht, ich kann also gut fallen. Aber das muss ja nicht sein.“ sagt Frau S. Das mit dem Judo ist schon eine Weile her; das war in den 60iger Jahren: „Ich wollte mir selbst helfen können, deswegen habe ich damit angefangen. Ich hab es aber fast nie gebraucht.“ Einmal wurde sie an ihrere Haustür bedrängt: „Da …
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Pullover-Mann
Der Pullover dieses Herren ist zwar keine Mütze, dafür aber selbstgestrickt. Vor 30 Jahren haben klappernde Nadeln und flinke Finger ihn erschaffen: „Den hat meine Mutter für mich gemacht und ich freu mich immer wenn ich ihn mal anziehen kann, er ist nämlich sehr warm.“ Das muss wohl so sein, denn der Herr ist tatsächlich ohne Jacke unterwegs, und gestern bei unserer Begegnung war es noch ein paar Grad kälter draußen. Zuhause im Schrank liegen noch weitere Pullover-Modelle der Mama bereit, jede einzelne Masche wohlbedacht und …













