Imponderabilien

Es ist schon ein paar Monate her, dass ich die Kleins das letzte mal getroffen habe, und zwar zufälligerweise genau an dem Platz, an dem ich sie auch das erste mal fotografiert habe. Natürlich sind wir seitdem alle ein Lebensjahr älter ge­worden; für Herrn Klein bedeutet das, dass er inzwischen 99 Jahre alt ist. Darüber werde ich auch gleich zu Beginn unseres gestrigen Gesprächs informiert, und es ist mir eine Freude zu sehen, wie sehr Herr Klein sich freut. „Noch immer,“ so verrät er mir, „lerne ich jeden Tag einen Ausspruch oder einen Vers, der es mir wert zu sein scheint, dass ich ihn mir merke. Und zwar auf Deutsch, Französisch oder Latein.“ Natürlich gibt er ein paar davon auch preis. Da ich aber ohne Zettel und Stift unterwegs bin hier nun lediglich eine sinngemäße Wiedergabe eines solchen Ausspruchs: „Ich beobachte um zu verstehen, nicht um zu urteilen.“
A few months ago I met the Klein’s the last time, excactly at the same place where I took the first photos of them. Naturally we all got older in the meanwhile: this means for Mr. Klein that he is 99 years old by now. That’s one of the very first things he told me, when we met yesterday. And it’s a great plaesure for me to witness how delighted he is about this. „Still,“ he says, at every single day I commit a versicle to memory, in german, french or latin. Of course he tells one or another, but for the reason that I don’t have anything to write on with me, here I quote one, giving the gist of it: „I observe to grasp, not to judge.“

Herr Klein ist ein Meister der Erzählkunst. Betonung, Pause, Satzeinschübe; lustvoll verbunden,  virtuos und wort-gewitzt for­muliert. Stets gekonnt in Szene gesetzt durch hinweisende Gestik und seinen aufmerkenden Zeigefinger. Höchst char­mant bezieht er seine Frau ins Gespräch mit ein, ohne allerdings dabei die Bühne je ganz zu verlassen. „Ich will gar niemand sein“, sagt er, mit der Betonung auf dem ’sein‘, und macht eine kunstvolle Pause. „Ich weiß aber doch, dass ich jemand bin, und was ich mir gestatten darf.
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Mr. Klein is a master of storytelling. Intonation, pauses, parentheses; combined with relish, drafted in a virtuoso manner. Always perfectly set into scene by the support of ostentsive gestures and a wagging finger. He charmingly integrates his wife into the conversation, although he never completely leaves the stage. „I don’t want to be someone.“ he says, pausing for effect, accenting the „be“. „But I do know, that I am somebody, and what I may permit to myself.“
Please follow…

Den schwarzen Ledermantel hat er 1977 gekauft, und seine Frau hat ganz genau den gleichen. „Ich trag ihn aber nicht so gern; dieser hier ist wärmer.“ sagt Frau Klein und lächelt tiefgründig.
Mr. Klein bought his balck leather-coat back in 1977, and his wife has got excactly the same one. „But I don’t wear it too often, this one keeps me warmer.“ she says with a tellingly smile. 

„Das gehört auch zu diesen Impon­derabilien.“ sagt Herr Klein zu seiner Frau, und die nickt verstehend. Ich allerdings verstehe nicht: „Unwägbarkeiten, nicht vorausgesehenes. Sie hier zu treffen; das ist sowas.“ erklären die beiden mir. Während unseres ganzen Begegnung gibt es immer wieder Momente, in denen Herr und Frau Klein das Gespräch mit allerlei knappen Andeutungen verwandeln, ver­ändern, neu beginnen. Mir allein sind diese flotten Randbemerkungen unverständlich. Das späte Paar versteht sich blind, und behende wird der Gesprächsball hin und her gekickt.
„This is one of those imponderables.“ Mr. Klein says to his wife, who nods her understanding. Me, I don’t understand: „Uncertainties, unexpected. To meet you, that’s something like that.“ Throughout the entire meeting there are those moments, when the Klein’s change or restart the conversation-topics into different topics; using subtle insinuations. For me most of the time hard do understand, the Klein’s easily get their hints; and they kick the conversation-ball skilfully from one to another.

28 Comments

  • rebhuhn sagt:

    oh man. <3. noch eins: <3. freude!

  • prjanik sagt:

    Es hat was…was ich nicht in Worte fassen vermag und auch nicht kann. Spirit… 😀

  • carmen sagt:

    ein traumpaar.

    ich liebe den grünen schal von herrn klein, und außerdem auch die bezaubernden langen weißen haare von frau klein!

    die beschreibung der beiden zu lesen, bringt mir ein lächeln ins gesicht, und ich bewundere sie sehr. (und hoffe insgeheim, dass ich im alter auch so ein glück haben darf, so zufrieden zu sein, wie sie.)

  • Claudia sagt:

    Großartig! Man spürt die Lebensfreude!
    Ich finde die beiden Herrschaften toll.

  • Anonym sagt:

    Hallo Smilla,
    toll die beiden, da verliert das Älterwerden vielleicht doch ein bisschen an Schrecken. Ich finde, dass man viel zu selten über gut gelaunte, glückliche Alte liest oder ihnen im Fernsehn begegnet.
    Hast du schon die Fotos von Vivian Maier entdeckt? So wunderbare Fotos mit einer faszinierenden Geschichte dahinter.
    Und dir, wieder mal, ein ganz dickes Lob, ich schaue täglich bei dir rein und bin immer angenehm überrascht.
    Ulli

  • SusiP sagt:

    Sind die süss!

  • Anonym sagt:

    Eine wunderbare kleine Alltagsbegegnung – für mich leider nur im Internet. Als Neu-Kölnerin hoffe ich darauf, viele echte Momente dieser Art zu erleben.

  • swig sagt:

    Toll! Ich liebe Ihre "Geschichten"! Herzlichen Dank und Gruss aus Paris.

  • FeeMail sagt:

    Hach, ich mochte sie schon beim letzten Mal :)!

  • Meggie sagt:

    Das ist ein kluger Ausspruch, den der sympathische Herr Klein da äußert. Wenn es doch nur so leicht wäre, ihn zu beherzigen. Dir scheint das jedoch sehr gut zu gelingen, gleichgültig, auf welche Menschen Du triffst.
    Deshalb schaue ich auch so gerne hier vorbei. Fast täglich. Und versuche auch so bewertungsfrei an Andere heranzugehen. Das gelingt mir leider nicht besonders oft. Aber ich arbeite daran.

    Liebe Grüße aus Köln, Meggie

  • judith sagt:

    ach, ist das schön!

  • Pyrgus sagt:

    Nicht nur die Fotos sind sehr ansprechend, auch der Text macht viel Freude!!!

  • Grandios! Das Alter, das Paar…ein Ziel was man sich selber vor Augen halten sollte…immer und immer wieder! Erstrebenswert! :o)

    Danke für diesen tollen Post!

    LG von Jenny

  • Hallo Smila!

    Noch beim Frühstück solch einen schönen Text zu lesen – ich habe ihn meiner Frau vorgelesen – grandios.
    Wir fanden uns wieder, denn wir sind vierzig Jahre verheiratet.

    Gruß Jürgen

  • Dawnie sagt:

    Unglaublich. 99 Jahre alt? Das hätte ich von den Fotos und von deiner Beschreibung her auf keinen Fall gedacht! Unglaublich =)

  • Der Blog. Die Bilder. Genial!

  • Mim sagt:

    Hello, dear Smilla: I feel you've brought me into your neighborhood, and I'm delighted to meet the Kleins bundled up for winter. His coat is the max!

    Warm regards from South Beach

  • croco sagt:

    Smilla, Sie haben so viel Respekt vor alten Menschen. Das gefällt mir sehr. Auch wie liebevoll Sie über sie berichten.Schön!

  • Anonym sagt:

    Nicht nur für diesen liebenswürdigen Post über das wahrlich liebenswerte Paar – insbesondere die freundlich blitzenden Augen der Dame haben es mir angetan! – nein: für den ganzen rührenden, klugen, amüsanten Blog ein DICKER FERN-KUSS aus München von der Freundin der Schneeflocken!

  • Ich erinnere mich an Deinen früheren Post und an die Beiden…War sie nicht deutlich jünger als er und sie haben eine späte Beziehung…?

  • smilla sagt:

    Oh, ich bedanke mich bei allen, die hier so schöne Kommenrtare hinterlassen, über die Kleins, (aber auch über meinen Blog, was mich sehr freut!). Ich werd den Kleins das nächste mal davon berichten. Sie sind ohnehin schon ein paar Mal erkannt und angesprochen worden 🙂

    Jürgen, hab mich auch sehr gefreut, dass mein Text am Frühstüchstisch vorgelesen wurde 🙂 schöne Vortellung, vielen Dank!

    Mimi; ja, Frau Klein ist nun auch schon 88 Jahre, und ich hatte damals geschrieben, dass sie ein spätes Paar sind

    Ulli, ja, die Bilder von Vivian Meier hab ich neulich entdeckt, und ich hab auch sogar schon was dazu geschrieben, aber mir fehlt noch immer ein passendes Bild dazu… Und nun ist es ja schon viel zu lesen überall. Ganz tolle Geschichte, und faszinierend schöne, tolle Fotos.

  • Uschi sagt:

    Smilla, deine Geschichten machen warm ums Herz.
    So eine wunderbare Gabe, Zwischenmenschliches in Worte und Bilder zu fassen…merci!

  • Wow, Deine Bilder und die Texte dazu sind wirklich klasse, ein toller Blog!

    LG vom KleinenLieschen-Andrea

  • Katti sagt:

    Vielen Dank das ich an deinen Begegnungen teilhaben kann. In manchen Fällen, so wie hier bei den Kleins, wäre ich so gerne dabei gewesen oder würde mich selbst gerne einmal mit Ihnen unterhalten. Dein Bericht klang so interessant.
    Seit ich deinen Blog lese frage ich mich selbst oft was wohl hinter Personen steckt denen ich begegne. Aber so ganz ohne Grund werden die Menschen es wohl nicht mögen wenn man sagt: "Du siehst interessant aus, was machst du so?" Schade!

  • MissJanet sagt:

    Wie schön die so zusammen sind. Und man sieht in den Gesichtern, dass sie sehr viel Freude haben, so soll es sein.

  • BittyAmbam sagt:

    DANKE!Für deine tollen Fotos und einfühlsamen Berichte DANKE!

  • boris sagt:

    Ja, die Alten darf man nicht unterschätzen! Sehr sympatisch diese Kleins.
    Die Geschichte erinnert mich an eine Szene, die ich mit meinem Großvater erlebt habe. Wir saßen einer Parkbank um zu verschnaufen. Da gesellte sich ein anderer alter Herr so mir nichts, dir nichts zu uns.
    Das folgende Zwigespräch, beide über 80, hätte man im Fernsehen senden sollen – so voller trockenem, subtilem und gelassenem Humor war es.
    Echt genial! Manche alten Leute können einfach erzählen, egal über was.
    "Mit denen kannst du Schule machen!", um den Herren selbst zu zitieren.

    Danke für diesen Bericht, Smilla! Hat eine schöne Erinnerung geweckt.

  • smilla sagt:

    boris, ich seh's vor mir. Wär ich gern dabei gewesen 🙂

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