Leicht war das nicht…

Herr W. bei meinem Besuch 2020

 

Am 1. März 2020 sind es 36 Jahre. So lange lebt Herr W. nun schon in seiner Wohnung. Herr W. hat ein gutes Zahlengedächtnis; Jahreszahlen von Ereignissen, die für ihn von Bedeutung sind, hat er schnell parat. Oft sogar ein genaues Datum. 1992 hat er einen Anruf bekommen – von einem Mann, den er nicht kannte: „Guten Tag, ich habe ihre Wohnung gekauft“, hat er gesagt, und Herr W. war wenig begeistert. „Warum denn ausgerechnet meine?“, hat er sich gefragt. „Der kam aus Dortmund, der meine Wohnung gekauft hat. Weiter oben hat er auch noch eine gekauft.“ Herr W. kann das nicht verstehen: dass einer aus Dortmund eine Wohnung in Köln kauft, und dann noch eine andere, die über 20 Stockwerke entfernt ist.
1997 ist der neue Wohnungsbesitzer in finanzielle Not geraten. Herr W. hat die Chance genutzt und ihm die Wohnung abgekauft. Er hatte keine Lust mehr auf weitere Turbulenzen. Das ist jetzt 23 Jahre her. „Leicht war das nicht,“ sagt er. „Aber ich wollte, dass dies mein Altersruhesitz ist.“

Herr W. bei meinem Besuch 2014Herr W. bei meinem Besuch 2014
Ich habe Herrn W. vor 6 Jahren das erste Mal getroffen und fotografiert. Damals hatte ich den Plan, Menschen im Kölner Herkules-Hochhaus zu portraitieren. Ich war damals oft dort und habe ganz unterschiedliche Menschen in ihren Wohnungen besucht – aber veröffentlicht habe ich nie etwas. Herr W. und ich sind uns manchmal noch auf der Straße begegnet.
Manche Begegnungen wirken länger nach als andere; oft habe ich mich gefragt, wie es ihm wohl gehen mag.
Mein Textentwurf von damals ist mir kürzlich in die Hände gefallen und so habe ich beschlossen Herrn. W. wieder einmal zu besuchen. Es braucht ein paar Anläufe, bis ich schließlich vor ihm stehe: Mal geht die Klingel nicht, mal ist er nicht zuhause, telefonisch habe ich gar kein Glück. Als er mir die Tür öffnet guckt er mich verwundert an und sagt dann: „Ahh! Sie sind doch die junge Frau, die mich mal fotografiert hat.“ Herr W. erinnert sich und ich darf reinkommen.

 

Seit Herr W. 1984 in seine Wohnung eingezogen ist hat sich nicht viel verändert. Er hat nie umgebaut, die Möbel sind dieselben wie damals. Vor einigen Jahren hat er neue Fenster bekommen, die alten waren undicht.
Auch seit meinem letzten Besuch hat sich nicht viel verändert: Der Sessel ist neu. Ein Teppich, der zwischen Bett und Sessel lag, fehlt. Herr W. trägt denselben Pulli, auf dem Stuhl, den ich vom Tisch zum Sessel trage, um bei Herrn W. zu sitzen, liegt dasselbe Kissen. Neben der Tür hängt ein Kalender im gleichen, länglichen Format, sogar die Kerze auf dem Tisch hat dieselbe Farbe wie beim letzten Mal.

In der Wohnung von Herrn W. ist es bemerkenswert leer. Die Küchenzeile wirkt so unbenutzt, als gehöre sie zu einer schlichten Ferienwohnung im Nirgendwo, die man gerade zum ersten Mal betritt. Nicht mal eine Spüliflasche steht herum.
Neben dem Küchentisch beginnt der Wohnzimmerschrank. Davor steht das Bett, alles aus dem gleichen Holzimitat. Das Bett wirkt wie ausgeklappt, so dicht steht das Kopfende am Schrank. Das ist es aber nicht, nur wo soll es sonst stehen? Die Wohnung ist nicht groß. Ein kleines Bad, ein kleiner Flur, ein Zimmer mit Küchenzeile, 27 qm. Auf Besuch ist Herr W. nicht eingestellt; am Tisch bei der Küchenzeile steht ein Stuhl, vor dem Fernseher ein Sessel.

„Ordnung ist mir sehr wichtig“, sagt Herr W.. „Da achte ich drauf“. Sein Mittagessen bekommt er von Essen auf Rädern: 7 Mahlzeiten, die er sich selbst warm machen muss. Ich gucke ratlos zur blitzblanken Küchenzeile und Herr W. sagt: „Ich habe da einen Ofen, da mache ich das Essen warm.“ Der Ofen ist eine Mikrowelle und ordentlich hinter einer Holztür versteckt. Herr W. lacht als er mein Erstaunen bemerkt. „Ne, ne, das ist nicht alles nur Makulatur.“

Herr W. im Januar 2020

Vor 10 Jahren stand Herr W. einmal morgens am Fenster. Dann hat er sich umgedreht und wollte zu seiner Küchenzeile gehen. Aber er ist gestolpert und gestürzt. „Bis hierhin bin ich geflogen“ sagt Herr W. und tippelt zum Herd, um die Stelle genau zu markieren. Zwei Wochen hat er im Krankenhaus gelegen: Oberschenkelhalsbruch. Der Sturz hat sein Leben verändert. Ohne Stock oder Rollator kann er sich nicht gut bewegen.

Früher ist er mittags immer in die Kneipe gegangen. Dort hat er etwas gegessen und auch etwas getrunken. Getrunken manchmal auch ein bisschen mehr. Seit dem Sturz bleibt er mittags zuhause. „Das ging ja nicht, “ sagt Herr W. und kippt behende einen unsichtbaren Schnaps herunter: „ …und dann hier mit dem Rollator nach Hause …nee.“
Ob ihn seine Thekenfreunde mal besucht oder vielleicht angerufen haben, frage ich. Herr W. guckt mich an, als wäre ich nicht recht bei Trost. Er schüttelt den Kopf: „Naja, die werden schon bemerkt haben, dass ich nicht mehr komme.“ Angerufen hat keiner.

Die Woche von Herrn W. hat Struktur. Jeder einzelne Tag auch.
Montags kommt das Rote Kreuz und bringt 7 Tiefkühlmahlzeiten. Die passen gerade so ins Gefrierfach seines Kühlschranks.
Dienstags hat er frei. „Das muss ja auch mal sein.“ Mittwochs kommen zwei Frauen von der AWO; eine Hauswirtschafterin putzt die Wohnung und wäscht die Wäsche. Eine Pflegerin wäscht Herrn W. Seit dem Unfall ist duschen eine komplizierte Prozedur. „Ganzkörperwaschung nennen die das“, sagt Herr W. und zieht die Augenbrauen hoch.

Donnerstags geht er einkaufen, der Freitag ist für Arztbesuche reserviert.
Bewegung hab ich genug, sagt Herr W., und es klingt beinahe wie ein Vorwurf. Nur selten verlässt er das Haus; die meiste Zeit des Tages sitzt er in seinem Sessel, der mitten im Raum steht. Der Sessel ist das Zentrum seiner Welt: von hier aus ist alles im Zimmer gleich weit entfernt. Jeden Mittag schaltet Herr W. das Rundfunkgerät ein. Tagsüber hört er Radio, ab nachmittags sieht er fern. Danach geht er in sein Bett, das nur einen Schritt entfernt ist.

Herr W. im Januar 2020

Einmal war Herr W. oben im 31. Stock. Das ist viele Jahre her. Die Hauswirtschafterin der AWO wollte so gerne mal hinauf um auf die Stadt hinunter zu gucken. Also hat er ihr den Gefallen getan, aber er fand es hauptsächlich anstrengend.
Verheiratet war Herr W. nie. Bevor er ins Hochhaus gezogen ist hat er gemeinsam mit seiner Mutter in seinem Elternhaus gelebt. Sein Vater war schon früh gestorben: „Ich wollte sie nicht alleine lassen, also bin ich wieder zu ihr gezogen.“ Als auch sie starb hat sein Neffe dort bei ihm gelebt. Als der schließlich ausgezogen ist, hat Herr W. das Haus aufgegeben.

Herr W. war 45 Jahre alt, als er die kleine Wohnung im Hochhaus gemietet hat – das war 1984. Das Haus stand damals in keinem guten Ruf, aber das hat Herrn W. nicht gestört: „Ne, das war mir egal“, sagt er. „Ich hab mich immer rausgehalten.“
Aber mitbekommen hat er doch so allerhand: In den 80er Jahren gab es im Haus viele Prostituierte, dauernd gab es Ärger; mit den Freiern, den Zuhältern, es gab Schießereien und die Polizei war sehr oft da. Wohnungen wurden aufgebrochen,Türen wurden eingetreten, von Drogenhandel war die Rede. „Das war schon schlimm“, sagt Herr W.
Besser wurde es erst, als das Pascha 1995 eröffnet hat, dorthin sind die Prostituierten alle abgewandert und es ist mehr Ruhe eingekehrt. „Aber der Ruf des Hauses war dahin.“ Dabei sei es heute so viel angenehmer als damals: „Das ganze Fluidum“, sagt Herr W. und meint die Atmosphäre.

Herr W. ist gelernter Verputzer und Stuckateur. Aber die meiste Zeit hat er als Wachmann für eine Sicherheitsfirma gearbeitet. „Erst wurde ja noch viel gebaut, aber irgendwann war Köln wieder aufgebaut, da wurde es schwierig. Man kann ja nicht immer weiter bauen. Irgendwann ist mal fertiggebaut.“

In der Sicherheitsfirma hat er den Umgang mit einer Pistole gelernt. Jedes Vierteljahr war Schießtraining. Bei einem Training hatte ein Kollege noch eine Kugel im Lauf, als Herr W. seinen Schallschutz bereits abgesetzt hatte. Der Kollege stand direkt neben ihm, als er abgefeuert hat. Herr W. ist auf dem rechten Ohr seither fast taub. „An den Kollegen denk ich immer noch, den werd ich mein Lebtag nicht vergessen.“
Es gibt nicht viele Menschen aus Herrn W.s Vergangenheit, deren Echo bis in die Gegenwart reicht.

Heute ist Herr W. 82 Jahre alt. In ein Pflegeheim möchte er auf keinen Fall, allein die Vorstellung findet er elend: „Ne, ich brauch meine Freiheit. Ich bleibe hier“, sagt Herr W. und lässt beide Hände mit Nachdruck auf die Lehnen seines Sessels fallen. „Bis zum Schluß!“

Herr W. im Januar 2020

Beim Abschied bringt Herr W. mich zur Tür und wir verabreden ein nächstes Treffen. „Warten Sie mal“ sagt Herr W. und greift zu seiner Jacke, die an der Garderobe hängt. Die Klappe der rechten Aussentasche ist halb drin, halb draußen. Herr W. bringt das kurz in Ordnung. Er zieht die Klappe ganz heraus und streicht sie glatt. Dann wendet er sich mir wieder zu. Wir wünschen uns gegenseitig einen schönen Abend.

26 Comments

  • Andere Franziska sagt:

    Gern gelesen! Gegen Ende haben sie den Nachnamen drei Mal ausgeschrieben,falls Sie das noch ändern möchten. Ansonsten: Willkommen zurück!

  • Hauptschulblues sagt:

    Welch wunderbare und einfühlsame Beschreibung des Herrn W.
    Warum nennen Sie ihn manchmal mit vollem Namen und meist nur Herr W.?

  • Jutta Kupke sagt:

    Sehr interessant zu lesen.
    Nun denke ich über das Leben des Herrn W. nach.
    Ein bescheidenes, einfaches Leben.
    War aber wohl recht zufrieden damit.
    Und ist es immer noch.
    Er will ja in seiner Wohnung bleiben, wie er sagt bis zu Schluß.
    Gut durchstrukturiert hat er sein Leben.
    Aber mir kommt es einsam vor.
    Und sehr alleine.
    Aber jeder Mensch hat wohl seine eigene Einstellung dazu.
    Jedenfall ist dieser Bericht sehr gut und einfühlsam geschrieben.
    Und zum Schluß lacht er ja sogar, der Herr W.

    Liebe Grüße
    Jutta

    • Smilla sagt:

      Danke für deine Gedanken! Herr W. lacht übrigens sehr gerne, wie mir scheint. Das Lachen wohnt nur nicht so in der ersten Reihe, es kommt von etwas weiter hinten hervor, zumindest in meiner Gegenwart.

  • Juliane sagt:

    Mir hat der Bericht über Herrn W. auch sehr gut gefallen. Danke dafür!

  • Anna Mantei sagt:

    Das gute Zahlen-/Datumsgedächtnis habe ich mit Herrn W. gemeinsam, nur muss/kann ich noch nicht so viele Jahre überblicken wie er. Tatsächlich wohne ich diesen Monat seit 24 Jahren in meiner Wohnung. Auch das lange Wohnenbleiben haben wir also gemeinsam. Ein paar mehr einrichtungstechnische Veränderungen als bei Herrn W. mag es bei mir gegeben haben. Das Festhaltenwollen an der eigenen Wohnung kann ich schon jetzt sehr gut nachfühlen wegen vorübergehend gemachter anderer Erfahrungen. Ich wünsche Herrn W., dass er sein Leben noch so lange wie es sich für ihn gut anfühlt in seiner eigenen Wohnung gestalten kann – und dass sich danach, wenn noch Lebenszeit da, aber nicht mehr die gleichen Fähigkeiten wie heute da sein sollten, andere Möglichkeiten zeigen werden, sein Leben doch auch weiterhin zufrieden zu leben.

    • Smilla sagt:

      Liebe Anna, danke dir! Da hast du ja nächstes Jahr silberne Wohnungshochzeit 🙂
      Ich kann das gut verstehen mit dem lange Wohnen bleiben.

      • Anna Mantei sagt:

        Liebe Smilla, „silberne Wohnungshochzeit“ – überlegenswert, dies irgendwie tatsächlich zu zelebrieren. Wenn auch vielleicht eher ganz für mich allein (und eben für meine Wohnung ;-)), wie ich mich diesbezüglich so kenne. Danke dir für die Idee!

  • Anne sagt:

    Sehr schön geschrieben, habe ich gerne gelesen. Danke Smilla. Ich wohne im Belgischen Viertel i
    und fahre oft an dem Hochhaus Vorbei, frage mich immer, wie sehen die Wohnungen wohl aus, wer wohnt da? Danke für den Einblick.
    Anne

  • Simone sagt:

    ‚Erstaunlich der Herr W.‘ war mein erster Gedanke. Und so fremd ist für mich seine Art des Wohnens, habe ich doch allerlei Klimbim um mich herum versammelt. Etwas einsam kommt mir sein Leben auch vor, aber das kann täuschen denn ich bin auch sehr gern allein und für einige sieht das wohl auch einsam aus. Und das sein Lachen nicht in der ersten Reihe wohnt ist eine so schöne Beschreibung. Wenn er lacht erscheint mir alles drumherum weniger wichtig.
    Ich bin gespannt auf weitere Bewohner*innen vom Hochhaus.

  • Paula sagt:

    Sehr schöne Schilderung von Herrn W. und seinem Leben. Er kommt ja aus einer Generation, wo die Kinder nicht zu Individualität, Freiheit und Fantasie erzogen wurden, sondern zur Anpassung bis zum unbedingten Gehorsam, Pflichterfüllung und Disziplin. Kinder mit einem Willen bekamen damals etwas auf die Brillen. Vermutlich genießt er bis heute seine Freiheit, nichts mehr zu müssen und seine Wohnung ganz allein für sich zu haben. Sein Lachen ist herzerfrischend.

  • birgit brabetz sagt:

    so ein wunderbarer bericht – sehr schöne fotos
    besonders bei dem letzten auf dem herr w. lacht ging mir das herz auf
    lg birgit

  • Myriam sagt:

    Die Geschichte klingt für mich mich sehr traurig. Aber ich nehme sie mir als Vorbild, darauf zu achten, dass es mir niemals auch so geht.

    • Smilla sagt:

      Liebe Myriam, es liegt ja immer im Auge des Betrachters… Man kann das so sehen, aber wenn ich Herrn W. so erlebe erscheint er mir eher zufrieden, ganz ernsthaft.

  • Kai sagt:

    Richtig tolles Porträt! Also Fotos und Text zusammen. Man fühlt sich, als ob man dabei wäre.

  • werner drechsler sagt:

    feine sozialreportage.
    lesens- und ansehenswert.

  • jens f. kruse sagt:

    sehr eindrucksvoll in wort & bild … klasse!

  • Miss Dorotty sagt:

    Liebe Smilla, toll dass du Menschen wie Herrn W. gefunden hast. Wie man ja gelesen hat, ist ihm dein erster Besuch vor Jahren ja deutlich in Erinnerung geblieben. Dieser wird es auch wieder tun. Du machst eine wirklich tolle Sache mit deinem Blog. Du berührst Menschen. Nicht nur mich/uns als Leser, sondern natürlich auch die Menschen die du vorstellst. Die Smilla mit dem Gespür für….. Das Wesentliche. Ich freue mich, dass wir uns kennen. Deine Miss Dorotty

    • Smilla sagt:

      Liebste Miss Dorotty! Danke danke danke! Und ich bin auch froh dass wir uns kennen und dann auch noch so schön lange! ❤️

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