Merkwürdigkeiten

An jedem Tag meiner Einsiedler-Woche in Domburg Anfang Januar gehe ich am Strand entlang. Ich gehe zu unterschiedlichen Zeiten, das Wasser kommt und geht ebenso zu unterschiedlichen Zeiten. Da sind das Meer und ich uns einig; der Strand ist immer derselbe, unsere Ankunftszeiten variieren täglich. Jeden Tag sieht der Strand ein wenig anders aus, je nach Wetter, das ihn nach eigenem Gutdünken immer neu gestaltet.

Ein paar feste Größen gibt es: Strandbuden, Bänke, die Schaukeln, die Buhnen; also die Holzpflöcke, die in langen Reihen den Strand vor Erosion bewahren.
Immer mal steht ein solcher Pfahl ganz alleine da, mittendrin auf freier Strecke, ohne eigene Reihe – keine Ahnung warum. Eines Mittags steckt in einem dieser auf sich allein gestellten Pfähle ein Ast. Ich bleibe stehen und wundere mich andächtig. Was mag hier vorgefallen sein? Wann hat wer aus welchem Grund entschieden, den Ast in den Pfahl zu klemmen, und woher überhaupt kommt wohl der Ast? Ist er weit übers Meer heran geschwemmt worden oder wurde er von jemandem mitgebracht aus dem Hinterland?

Einmal sehe ich einen losen Pfahl, offensichtlich abgebrochen, morsch geworden vielleicht. Vielleicht wurde aber auch er angeschwemmt? Denn ich kann keine Lücke entdecken, die seine bisherige Heimat markieren könnte. Er lehnt absehbar anfällig an einem seiner Arbeitskollegen, die nächste Flut wird da ein Wörtchen mitzureden haben. Irgendjemand hat sich offenbar die Mühe gemacht ihn aufzurichten. Vielleicht jemand, der zuvor auf ihm herumspaziert ist, und so zu seinem Ende beigetragen hat? Ich habe Zeit, da kann ich über so etwas nachdenken. Im Übrigen denke ich über so etwas auch nach, wenn ich keine Zeit habe, aber dann wird mir manchmal auch alles zu viel.

Wieder ein anderes Mal sehe ich eine Unterhose im Sand liegen. Sowas, denke ich leichthin und laufe weiter, ohne sie zu fotografieren. Dann kehre ich um und mache doch eben schnell ein Foto, nicht dass ich mich später ärgere, keins gemacht zu haben. Beim weitergehen phantasiere ich ein wenig herum, wie wohl die Unterhose ihren Weg an den Strand gefunden haben mag. Ist sie im Sommer verloren gegangen? Bei diesen Temperaturen schwimmt ja kaum jemand. Wann wurde ihr Verlust bemerkt? Mir fällt die einzelne Socke ein, die in einem Roman, den ich vor Jahrzehnten las, zum Drama beiträgt, nein, es sogar eigentlich erst ans Tageslicht bringt. Ich glaube es war in Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Und dann kommt mir plötzlich ein ganz anderer Gedanke: Es gibt Strände auf der Welt – gar nicht mal so wenige – da bedeuten herumliegende Kleidungsstücke ziemlich sicher, dass sie angespült wurden. Und sie erzählen vielleicht die stumme Geschichte eines Menschen, der versucht hat, seinem Leben zu entkommen um einem besseren entgegen zu fliehen. Viele Menschen aber verlieren dabei ihr Leben, und eine blaue Unterhose irgendwo an einem Strand kann genau diese Tragödie erzählen.
Wie kann es sein, frage ich mich, dass mir das erst so spät einfällt?

29.01.2020

9 Comments

  • Simone sagt:

    Sehr gerne gelesen.
    Und ich habe mal überlegt, warum auch mir nicht sofort diese tragische Geschichte einfällt, die eine Unterhose am Strand erzählen könnte. Und das, obwohl ich täglich mit Menschen im Kontakt bin, die solche Geschichten zu erzählen haben. Ich glaube es ist, weil ich die längste Zeit in meinem Leben eben nicht so nah mit Krieg und Flucht konfrontiert war, sondern erst in den letzten Jahren. Wenn ich dann irgendwo am Strand lang laufe, besonders wenn es ein Nordseestrand ist, also im Urlaub bin und entspannt, kramt mein Gehirn eher die alten Strandgeschichten hervor und das sind immer schöne Geschichten voller Wind und Wetter und Pannekoeken met stroop und das traurigste was mir da bisher begegnete war vielleicht eine tote Krabbe.

  • Werner sagt:

    Über die Kwerfeldein Photosphäre hier hinein gestolpert…. Habe mich umgeschaut und festgestellt: wohltuend anders, irgendwie. Da bleibt man gerne länger und kommt wieder!

    Liebe Grüße,
    Werner

  • Anna Mantei sagt:

    Danke für die wichtigen Gedanken zur Unterhose und auch für die Erklärung zu den Pfählen, deren Bezeichnung und Sinn mir bisher tatsächlich unbekannt war.

  • Sylvia sagt:

    Freu mich sehr, dass es deinen Blog – jetzt hier – immer noch gibt.
    Ich liebe deine melancholischen Gedanken und die schönen Bilder.

  • Brigitte Meyer auf der Heide sagt:

    Liebe Smilla,
    ich bin seit Jahren Dein Fan, war bisher nur traurig, wenn die Pausen zu lang wurden.
    Ursprünglich fand ich den Namen des Blogs „anders anziehen“ so spannend, weil ich mich anders anziehe, immer mit Rock oder Kleid usw. Bin fast 90, in der Flüchtlingshilfe aktiv, nähe gemeinsam mit Flüchtlingsfrauen, habe große Familie und immer noch Freude im Leben nach einer langen Ehe mit meinem Mann, der vor 7 Jahren starb, nach 60 Jahren Zusammensein. Mein Leben ist wieder schön, aber anders.
    Ich wünsche Dir alles Gute, klingt platt, ist aber so gemeint,
    liebe Grüße
    Brigitte.

    • Smilla sagt:

      Liebe Brigitte, danke für diesen Kommentar, der so schön ist auf so vielen Ebenen! Wirklich wahr, bin ganz bewegt! liebe Grüße, smilla

  • Petra sagt:

    Liebe Smilla,
    nach monatelanger (oder Jahre?) Abstinenz stieß ich zufällig hier auf deinen neuen Blog. Gerade las ich die letzten Geschichten. Das Porträt von Herrn W. berührte mich sehr. Dein Blog ist für mich eine echte Bereicherung. Und jetzt habe ich große Lust, zum x-ten Mal Kunderas „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ zu lesen (richtig, die Socke!). Aber der Film ist auch sehr sehenswert.
    Freue mich auf weitere Geschichten.
    Herzliche Grüße
    Petra

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