Wut

Samstags arbeitet beim Bäcker eine Frau, die hat eine Wut. Welcher Art die Wut ist lässt sich schwer bestimmen, denn die Frau verbirgt sie hinter einem ausdruckslosen Gesicht. Ihr Gesicht ist derart ausdruckslos, dass es schon wieder ausdrucksstark ist. Es ist eine offensive Ausdruckslosigkeit, vielleicht auch eine defensive, man müsste mehr wissen, um zu verstehen. Das Gesicht der Frau ist eine verschlossene Tür, der Schlüssel zwei mal rumgedreht, außerdem Riegel und Kette. Aber es liegt eine Warnung in den Augen, da ist ein Schild angebracht: Vorsicht, bissiger Hund.
Schwer zu sagen, ob der Hund wirklich bissig ist oder ob er in Wahrheit seit langer Zeit erschöpft vor der Hütte sitzt.

Ich stehe in der Schlange am Tresen und warte dass ich dran bin. Ein kurzer Moment der Hoffnung, dass ich an die andere Verkäuferin gerate. Aber nein. Die Frau mit dem ausdruckslosen Gesicht guckt mich mit unbewegter Mine an und sagt nichts. Dass sie mir in die Augen guckt muss reichen. „Guten Tag“, sage ich ungefragt, „ich hätte gern ein Walnussbrot, geschnitten bitte.“

Die Frau dreht sich in quälender Langsamkeit zum Brot. „Na gut“, scheint sie zu denken,  „ich mache das, aber ich hasse euch alle.“ Jede ihrer zähen Bewegungen erzählt von Widerstand, von tausend Meter tiefer Wut. Sie nimmt ein Brot, legt es in die Schneidemaschine und schiebt es in eine Tüte. Ich stehe innerlich stramm und bin gewappnet, dass sie mir die Tüte gleich mit Schmackes um die Ohren haut. Das passiert natürlich nicht, denn auch wenn es meiner Deutung zufolge der Gefühlswelt der Frau unbedingt entspräche genau das zu tun, und dabei zu weinen und zu schreien und nun, wo sie schon mal alle Wut loslässt gleich den ganzen Laden gründlich in Klump zu hauen, dass es nur so scheppert, so habe ich an einigen vorangegangenen Samstagen beobachten können: die Frau kann Impulskontrolle. Und zwar bis zur Leblosigkeit.

Ich bekomme mein Brot ganz regulär auf den Tresen gelegt. Mutig bestelle ich noch Brötchen und Kuchen, und nebenbei und ohne es zu wissen verrät mir die Frau meine eigene Stimmungslage. Je nach persönlicher Tagesverfassung reagiere ich nämlich ganz unterschiedlich auf sie. Kuchen, Brot und Selbsterforschung.
Mal bin ich vage ärgerlich, weil ich die Frau unhöflich finde, mal bin ich beleidigt, weil ich ihr Verhalten persönlich nehme.
Mal werde ich wütend, weil sie selbst nicht wütend wird, sondern eingefroren vor sich hin funktioniert. Dann wieder bin ich unbeirrt und nehme einfach hin, dass sie so ist. Manchmal habe ich Mitgefühl und möchte die Zeit anhalten, oder zumindest sehr viel langsamer laufen lassen, ein warmes Wort vielleicht, ein freundlicher Blick, oder einfach nur mal gar nix, damit die Frau wieder auftauen kann.

 

 

 

 

 

12.12.2022

14 Comments

  • mo jour sagt:

    Liebe Smilla,

    dein Text ist so wortstark, dass ich die Verkäuferin vor mir sehe.
    Deine Introspektive ist beeindruckend: auch dich sehe ich vor mir stehen.
    Mehr noch: Es st, als ob ich gleichzeitig in eurer beider Köpfen und Herzen sitze.

    Und dann erinnere ich mich an eine Bäckereiverkäuferin hier im Ort, die war nicht nur passiv aggressiv, sondern offen garstig. Sie hat mich spüren lassen, dass ich als Kundin eine Belästigung für ihren Arbeitsablauf war und sagte es gerade heraus:
    „Ich brauche doch zu Ihnen nicht freundlich sein – mein Gehalt bezahlt schließlich der Chef.“

  • Anna sagt:

    Vielleicht sollte ich gar nix schreiben, um dieses „einfach nur mal gar nix, damit die Frau wieder auftauen kann“ zu unterstützen. Aber das kann ich nach dem Schauen und Lesen nicht. Also wenigstens: DANKE!

  • waldwanderer sagt:

    Sehr gerne gelesen!
    Dankeschön!

  • Theresia sagt:

    Ich hab schon mehrfach bei deinen Texten an Mariana Leky denken müssen. Und jetzt drängt es sich ganz deutlich auf, wo ich „Kummer aller Art“ zum zweiten Mal direkt nacheinander lese.
    Deine einfangende und fühlende Art die Welt wahrzunehmen und zu beschreiben mag ich sehr. Danke, dass du andere daran teilhaben lässt!

  • Christine sagt:

    Sehr schön geschrieben! So eine Verkäuferin habe ich Dienstags früh vor der Arbeit an der Kasse…. tatsächlich nehme ich sie wie sie ist. Aber neulich hab ich gemerkt das auch ich leicht grantig wurde und habe kein Wort geredet. Hat mal gut getan.
    LG und eine gute Woche noch wünscht
    Christine

  • Es muss viel passieren, damit man so einfriert. Aber das Einfrieren macht auch nichts besser. In meiner eingefrorenen Zeit war ich übrigens von äußerster Höflichkeit. Wenn ich heute manchmal so einer Höflichkeit begegne, traue ich mich kaum, dem Menschen in die Augen zu sehen, aus Angst, dass er gerade diesen Blick zum Anlass nehmen könnte, die Bombe in seiner Seele explodieren zu lassen.

  • Trulla sagt:

    Mein Kopfkino lässt mich frösteln. Warum ist etwas wie es ist? Ich sehe das Wort „Hilfe“ auf die Stirn geschrieben und hoffe, dass es nur Garstigkeit ist. Damit kann man doch eher leben, also nur kaufen, bezahlen und gehen…Freundlichkeit gibt es dann woanders.

  • Sonja sagt:

    Gut beschrieben, man sieht seinen eigenen Spiegel rumlaufen und verkaufen…
    DANKE.

  • Ella^ sagt:

    Wow. Ist das gut…

    Ich hoffe, ich darf hier einen Link einsstellen. Dein Text erinnert mich an einen Song, „Tätowiert von innen“ von Erdmöbel

    https://www.youtube.com/watch?v=hgtrkrtNEZY

  • eva sagt:

    Der Text gefällt mir, so wie er geschrieben ist – aber gleichzeitig klingelt etwas in mir, ich kennen eine wohl ähnliche Situation und die Person war nicht wütend, sondern autistisch und der Job in ständigem sozial gebundenem Austausch mit anderen Menschen unvorstellbar anstrengend für diese Person…
    Grüße, Eva

    • Smilla sagt:

      Ja, das ist natürlich auch eine Möglichkeit, daran habe ich gar nicht gedacht. Das wäre vermutlich maximal anstrengend und kaum auszuhalten.

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