• … am Meer leben

      Isabelle ist in einer kleinen Stadt zwischen Brüssel und Gent aufgewachsen. Schon als Kind wußte sie eines ganz genau: dass sie eines Tages am Meer leben möchte. „Als ich noch klein war haben wir immer die Sommerferien am Meer verbracht,“ sagt Isabelle, und damals hat sich die Idee in ihr festgesetzt. Aber dann, nach Schule und Studium, hat sie zunächst in Brüssel gearbeitet: in einem Touristikunternehmen, das auf Kreuzfahr­ten spezialisiert war. Als Isabelle 25 war hat sie sich schließlich ernsthaft mit der Frage  …

  • Tango oder Tatort

      Sonntagabends gegen acht leeren sich auch im Zentrum von Brügge die Straßen, und es kehrt so etwas wie Beschaulichkeit ein. Viele Wochenendbesucher mögen sich be­reits auf dem Heimweg befinden, die da­gebliebenen Touristen, die zuvor in Scha­ren das Bild der Altstadt mitgestaltet ha­ben sind mutmaßlich überwiegend in den Restaurants untergekommen, und die Ein­heimischen, ja, die Einheimischen meiden den historischen Stadtkern ohnehin nach Möglichkeit, wie mir wiederholt berichtet wurde. Auch ich bin Touristin, auch mich treibt der  …

  • Aennie auf der Bank

      „Als ich zwei Jahre alt war habe ich laufen gelernt, und als ich zehn Jahre alt war musste ich es noch mal lernen.“ Das er­zählt mir Aennie als ich schon eine Weile neben ihr auf der Bank sitze und sie nach ihrem Alter frage. „Ich bin 67, aber ich bin damals krank geworden.“ Sie nennt den Namen ihrer Krankheit, und weil ich nicht verstehe ergänzt sie : „Die Muskeln …“ Beim reden fliegt immer eine ihrer Hände bedächtig hin und her und erzählt so wort­los die Ge­schichte eines Lebens mit der Krankheit. Mit klugen Augen sieht  …

  • Menschen am Meer

      Menschen am Strand habe ich letztes Jahr in Brighton fotografiert. Heute bin ich in Oostende angekommen und bin erst mal in einem der zahllosen Restaurants an der Strandpromenade eingekehrt. Manchmal ist mir wichtiger wo ich esse, als was ich esse. Ich bin einfach zu gerne am Meer. Und damit bin ich ja ganz offensichtlich nicht allein.                             Und nun eile ich schnell wieder zurück ans Meer und laufe immerzu daran entlang. Dann warte ich auf  …

  • Get lost

    Nun bin ich seit 4 Tagen in Brügge und war noch in keinem Museum, bin auf keinen Turm gestiegen und habe keine Kirche be­sichtigt. Ich habe auch die Schokoladen­läden, Frittenbuden, Waffelstände und Bootstouren ausgelassen. (Wobei gegen all dies im Grunde nichts zu sagen ist). Ganz Tourist laufe aber auch ich mit meiner Kamera durch die Stadt, die eigentlich schon ganz abgenutzt aussehen müsste, bei all den Fotos die hier sekündlich ge­macht werden. Und manchmal schäme ich mich ein bisschen, weil ich und tausend Andere auf diese Weise  …

  • Zuhause in Brügge

    In Brügge fahren viele Menschen Fahrrad: Einheimische genauso wie Touristen. Je nachdem, wo man sich bewegt, trifft man übrigens mehr Touristen als Einheimische. Man kann sie aber ganz gut auseinander­halten: Touristen schuckeln mit dem Rad so ganz gemütlich vor sich hin und gucken mehr nach rechts, links und oben als nach vorne. Oft sind sie zu zweit, manchmal in Gruppen unterwegs, und meist versprühen sie die widersprüchliche Atmosphäre betriebsamen Müßig­gangs des Fremden in der Fremde. Die Brügger hingegen haben ein Ziel in, und auch  …

  • „Ich ging im Walde …

      …so vor mich hin“ schrieb Goethe in seinem Gedicht, dass ich hier zitiere, obwohl ich mich mit Goethe nun gar nicht auskenne.  In meinem Kopf sind  die Zeilen übrigens anders abgelegt: „…so für mich hin“ lauten sie da, und mit dieser kleinen Wortänderung finde ich meinen gestrigen Ausflug ganz treffend beschrieben. Auch wenn die vorherrschende Stille hier den Anschein erwecken mag, ich hätte mich in die Sommerfrische verabschiedet; im Gegenteil arbeite ich mich gerade in einen Zustand hinein, in dem der bloße Gedanke an  …

  • Die Achte

      Als ich Mrs. Buchanan das erste Mal sehe, bin ich mir fast sicher, dass sie zu einer Reisegruppe gehört, deren Schluß sie und ein jüngerer Mann bilden. Sie sieht so grund­sätzlich zufrieden aus, dass ich sie gar zu gerne angesprochen hätte. Eine gan­ze Weile später begegne ich ihr an einer anderen Stelle wieder, und ich ahne, dass ich mich mit der Reisegruppe geirrt habe. Der jüngere Mann ist ihr Sohn: er ist 58 Jahre alt. „Und ich bin 88!“  erzählt Mrs. Buchanan vergnügt und nicht ohne Stolz. Dann stellt sie mir ausdrücklich ihren  …

  • Werterhaltende Maßnahmen

      Was man doch so alles nicht weiß, denke ich nach meiner Begegnung mit Julia.  Und frage mich zweifelnd, ob vielleicht nur ich es bin, die so wenig weiß. Mutlos schiebe ich diesen Post ein paar Tage vor mir her; nicht dass ich das frische Wissen am Ende falsch wieder­gebe, dass da auf wackeligen Beinen durch mein rehäugiges Hirn geis­tert. Julia ist Restauratorin. Als ich sie an­spreche kommt sie gerade von der Arbeit; sie ist müde und kaputt, denn sie hat den ganzen Tag in der Sonne an einer inner­städtischen Außenskulptur  …

  • Dasein

      Heute habe ich es tatsächlich mal zur CSD-Parade geschafft, die jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende durch Köln zieht. Auch wenn ich  ich das Prinzip festlicher Umzüge wohl nie so ganz verstehen werde; da laufen und fahren also allerlei organi­sierte Zugteilnehmer durch zuschauer­beflankte Straßen. Gemäß meiner Phan­tasie müsste der Zug lärmend und tanzend durch die Menge toben, die, derartig ausgelassener Stimmung ausgesetzt, nicht anders kann, als tüchtig mitzumachen. Aber irgendwie sieht es in der Realität dann doch immer ein  …

  • Adressat unbekannt

      Frau R. ist nicht oft nicht in Köln: „Nur so alle zwei oder drei Monate mal.“ Dabei lebt sie gar nicht weit entfernt im Bergischen Land, und Köln ist die Stadt ihrer Kindheit. Bei jedem ihrer Kölnbe­suche befällt sie eine leichte Traurigkeit: „Die Stadt hat sich verändert –  und nicht zum Guten.“ Was Frau R. stört ist die Lieblosigkeit im öffentlichen Raum: „Was ist das für ein Brunnen? Weiß ich nicht, ach, da kann ich mein Papier reinwerfen.“ improvisiert sie mögliche Gedankengänge ihrer Mitmenschen. Wie zum Beweis steht neben uns  …

  • Vom Suchen und Finden

    Meine kluge Schwester, die nur ein Jahr älter ist als ich und seit den Zeiten jugendlicher Selbstermächtigung ausschließlich Schwarz trägt, hat mir einmal eine Geschichte erzählt, die ich seither so lebendig in  Erinnerung habe, als hätte ich sie selbst erlebt: Irgendwo auf der Straße kam ihr eine kleine Familie entgegen. Der Vater war ein Gruftie, genauso wie die Mutter, beide waren komplett in Schwarz gekleidet und mit den entsprechenden stilistischen Devotionalien ausgerüstet. Neben ihnen lief die kleine Tochter und ihr aller Ziel  …

  • …nie nach Arbeit anfühlen

    Im Supermarkt meiner Wahl steht zwischen Dosenbohnen und Tütensuppen ein kleines, schrummeliges Radio. Höchst zentral auf einem Regal positioniert befindet sich das alte Gerät quasi im Epi-Zentrum der Fertig­gerichte und versprüht seinen eigentüm­lichen Tante-Emma-Charme. Gestern durf­te die samstägliche Kundschaft zu Pop­Musik die Körbe füllen. Als ich dem Radio nahe kam lief gerade Gotye, und vorm Regal befand sich gerade Jessie; mit wie­genden Bewegungen und  augenscheinlich ohne Kaufabsicht hat sie versonnen  die Aus­lage  …

  • Dolce Vita

    Wenn Sophie besondere Schuhe strickt, dann für besondere Menschen. Ganz be­sonders junge Menschen nämlich, die eben gerade erst das Licht der Welt erblickt haben. Mit den frisch gestrickten Schuhen begibt sich Sophie sodann an einen Ort, den sie besonders mag. Dort macht sie ein Foto von den neuen Schuhen für den neuen Menschen. So geschehen vor einer Weile am Petersplatz in Rom und gestern dann am Kölner Dom; Laela heißt die jüngst bestrickte Tochter einer Freundin von Sophie. When Sophie knits special shoes, she does it for special  …

  • 25 Grad

    Was das Wetter angeht hat Janine eine klare Haltung: „Alles unter 25 Grad ist eine Zumutung.“ Sie liebt den Sommer, und sie liebt Sommerkleider.Eine klare Haltung ist aber auch in Janines  beruflichem Alltag von Bedeutung: eigent­lich diplomierte Sozialarbeiterin ist sie freigestellt für den Gesamtpersonalrat der Stadt Köln. Der Personalrat ist für die öffentlichen Verwaltung, was der Betriebs­rat für kommerzielle Firmen und Unter­nehmen ist. Das ist keine leichte Arbeit; immerhin arbeiten in der Kölner Stadtver­waltung rund 17.000  …

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