Zuhause in Brügge

In Brügge fahren viele Menschen Fahrrad: Einheimische genauso wie Touristen. Je nachdem, wo man sich bewegt, trifft man übrigens mehr Touristen als Einheimische. Man kann sie aber ganz gut auseinander­halten: Touristen schuckeln mit dem Rad so ganz gemütlich vor sich hin und gucken mehr nach rechts, links und oben als nach vorne. Oft sind sie zu zweit, manchmal in Gruppen unterwegs, und meist versprühen sie die widersprüchliche Atmosphäre betriebsamen Müßig­gangs des Fremden in der Fremde.
Die Brügger hingegen haben ein Ziel in, und auch vor den Augen. Geübt und gerne schnell flitzen sie diesem Ziel ent­gegen und setzen so ganz nebenbei dem touristischen Treiben ein Zeichen der Alltäglichkeit entgegen. Das wirkt zugleich freundlich und beruhigend. Zumindest auf mich.

Linda ist in Brügge zuhause und gerade auf dem Weg zu einer Hochzeit, als ich vor ihr Rad springe um sie anzuhalten. Weil sie keine Zeit hat fotografiere ich sie buch­stäblich an Ort und Stelle, und mit einer Mischung aus Eile und Gelassenheit erzählt sie mir, dass sie 60 Jahre alt ist, sechs Kinder hat und ebenfalls sechs Enkelkinder. Drei ihrer Söhne sind Musiker, und eine Freundin eines ihrer Söhne, so erzählt sie mir, mache etwas ähnliches wie ich: „Menschen ansprechen und Geschichten aufschreiben. Es ist ein Projekt gemeinsam mit einer Isländerin: Everyday stories.“
Linda arbeitet in einem Bioladen außerhalb von Brügge, der hauptsächlich Kräuter im Sortiment hat, und auch wenn ich gerne noch viel mehr erfahren und gefragt hätte; sie muss schnell weiter. Ich sehe ihr ein wenig traurig nach als sie mit ihrem Rad davonfährt und freue mich dennoch: kaum in Brügge angekommen gleich eine Linda zu treffen, das ist schon ein Geschenk.

11 Comments

  • AnneS sagt:

    Ich dachte einen kurzen Moment, du hättest Vivienne Westwood getroffen!:-) Lustig, denn in "Everyday stories" geht es genau um die Dinge, für die sich Westwood auch engagiert.(Nachahltigkeit usw.)

  • Sichtbar sagt:

    Ein ganz anderes Leben, als dieses was viele führen. Die Räder erinnern mich an Helgoland, es gibt sie also doch noch, die CO2-Reduzierer. 😉
    Zu ihrer Arbeit würde man gar nicht denken, das Linda sich so kleidet, da denkt man eher an Großstadt mit viel TamTam, finde ich gut von ihr, der Stil ist toll und sie erinnert mich ein bisschen an Miranda aus Sex and the City. 🙂

  • Anna sagt:

    Zu Linda und Brügge fällt mir gerade leider nicht viel ein, aber ins Internet zu gehen und endlich wieder einen neuen Post von Smilla vorzufinden, DAS IST SCHON EIN GESCHENK! Über das ich mich sehr, sehr, sehr freue! Das muss ich ich schon sagen!

  • smilla sagt:

    🙂 oh, Anna, vielen Dank! Für mich selbst übrigens auch. Es war einfach keine zeit und kein Platz in den letzten Wochen..

    AnneS, ja, ich dachte das auch ehrlich gesagt, zwar nicht direkt, aber beim Fotos gucken ist mir doch schon der Gedanke gekommen .. Eine sehr nette Begegnung st das übrigens gewesen und ich könnte hier durchaus so manchem Brügger vors Rad springen.

    sichtbar; nun war sie hier ja auf dem Weg zu einer Hochzeit, aber natürlich wäre es interessant, sie mal in ihrem Alltag zu besuchen..

  • So eine schöne Frau.
    Ich dachte beim Ansehen der Bilder: OH wie schön ist in die Jahre gekommene und gelebte Haut.

    Auch die Wiedergabe deiner so genauen und unter der Oberfläche wuselnden Beobachtungsgabe im Text fand ich wieder sehr bereichernd.

    Merci!

    lieben Gruß
    Brigitta

  • Ich auch. 🙂
    Eine wahnsinnig tolle Frau!

  • Dagmar sagt:

    Liebe Smilla,
    nun muss ich mich auch – hier zum ersten Mal – zu Wort melden. Deine lebensfrohen Fotos und liebevollen Texte zaubern mir immer wieder ein Lächeln aufs Gesicht, wunderbar. Dein Blog ist anders & anziehend.
    Bitte, bitte, bitte, immer mehr davon!
    Liebe Grüße vom Bodensee
    Dagmar

  • Anonym sagt:

    liebe smilla!!!
    sooo schön, heute wieder einen neuen bericht
    aus deinem tolle-leute-finden-und-wunderbar-in-wort-und-bild-setzen-universum hier zu finden!!!
    dankeschön dafür!!!
    waldwanderer

  • Inken sagt:

    Geselle mich dazu. Das hab' ich auch gedacht

  • Oona sagt:

    Wieder muss ich mir die Haare raufen, weil ich kaum der englischen Sprache mächtig bin. Dann könnte ich auf dem angegeben Blog lesen.

    Und wen Du alles so findest, Smilla! Immer wieder erkenne ich beim Lesen Deines Blogs, wie spannend die Menschen um mich herum sind.

    Was ich mich frage ist, ob die Menschen schon durch ihren "eigenen" Kleiderstil ihre "Andersartigkeit" oder "Eigenheit" ausdrücken und Du über die Jahre den besonderen Blick hast.
    Andererseits war der Mann auf dem Friedhof eben ein Mensch auf einem Friedhof.
    Ich weiß nicht, ob ich mich gut ausdrücke.

    Würde ich tragen können, was ich wollte: kleidergrößentechnisch nähere ich mich langsam… und wegen fehlendem Mut, dann würde meine "Eigen-Sinnigkeit" womöglich auffällig sein.

    In der Reha kam eines Tages ein Mann um die 30 Jahre an den Nachbartisch. WOW. Ich mußte an Dich denken und ich glaube, Du hättest an den Fotos und dem Mann die wahre Freude gehabt.
    Der hatte so tolle, stilvolle Kleidung an. Eines Tages sah ich ihn in der Eingangshalle mit einen Zylinder mit Lederbezug. Hatte was trachtenartiges. Natürlich fiel der Mann in der Reha mit 300 anderen Menschen auf. Viele schüttelten den Kopf.
    Ich fand das einfach nur großartig und so irre mutig. Abgesehen mal von dem durchtrainierten Körper.
    Der war bestimmt Model… mit ´ner Depression. Willkommen im Club.

    Herzlichst
    Oona

Schreib mir!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© Smilla Dankert 2019 | Impressum | Datenschutz