Nebenjob

Das bin ich, wie ich durch einen Bauzaun gucke, fotografiert von Mein weisser Elefant

 

Der Kuli ist alle, zack, wie das immer plötzlich geht denke ich, eben schreibt er noch normal und dann, unvermittelt, kommt nur noch Ungefähres in blassblau.
Man hat die Hoffnung dass es noch für dieses eine Wort reicht oder auch noch für das nächste oder wenigstens das Datum, ich bin ja gerade noch beim Datum, ich hab ja nicht mal wirklich angefangen mit dem Schreiben, da soll ich schon verstummen. Ich überlege einfach weiter zu machen, den Text ins Papier zu kratzen, das wird man ja wohl später auch irgendwie entziffern können, notfalls mit Hilfe einer Schicht Wachsmalkreide.

Aber nein, so geht es natürlich nicht, und in aufkeimender Unruhe, der Kuli könnte mein Schreib-Vorhaben sabotieren, hole ich mir einen neuen Stift aus der oberen Schublade der Kommode. Da liegt nämlich einer. Da liegen sogar drei. Zwei Werbekulis eines Kunden für den ich häufig arbeite, mit denen kann ich aber auf keinen Fall jetzt schreiben. Eine Atmosphäre von Beruflichkeit ist beim Schreiben auch nicht viel besser als ein sterbender Stift. Der dritte Kuli, der dort liegt, ist neutral, sehr zart und schmal, ein Kuli ganz ohne Geschichte, keine Ahnung wo der herkommt.
Ich nehme also diesen namenlosen Stift aus der Schublade und fühle mich wie so ein gut sortierter Mensch.  

Wer am frühen Morgen schon Kaffee gekocht und die Katzen gefüttert hat und dann derart gezielt Herausforderungen zu begegnen imstande ist, wird ja wohl auch den Rest vom Tag bewältigen. Und überhaupt das ganze Leben. 

Zurück auf der Schreib-Bank frage ich mich, ob Kulis eigentlich noch in Heimarbeit zusammengeschraubt werden. Früher, zu Oberstufenzeiten, als ich noch Nebenjobs in gedruckten Kleinanzeigen gesucht habe, da wurde sowas angeboten. Man würde alle Einzelteile geliefert bekommen, das Gehäuse in Fragmenten, eine Mine, eine Feder, einen kleinen silbernen Verbindungsring, ein Dings zum an den Block klemmen – Griff, Henkel – wie nennt man das? Lauter Kulikörperteile, die einzeln alle nutzlos sind, bis sie, möglichst blitzgeschwind, zu einer funktionstüchtigen Einheit zusammengefügt werden, um ein Leben im Dienste der Notiz zu führen. Allerdings ein kurzes, denn die Mine hat ein schwaches Tintenherz, für das nur theoretisch Ersatz vorgesehen ist.

So ein Kuli-Job in Heimarbeit kam für mich nicht in Frage. Oder nur als letzte verzweifelte Option. Vage konnte ich damals – im Alter von 16 oder 17 – spüren, dass etwas in mir nicht überzeugt war, dass ich diese Option nicht vielleicht doch würde ziehen müssen, dass es für mich vielleicht einfach keinen anderen, keinen besseren Job geben würde.
Ich musste aber Geld verdienen, denn ich bekam als Mündel des Jugendamtes zwar zunächst Jugendhilfe und später Schüler-Bafög, aber es war vorn und hinten immer knapp.
In meiner Vorstellung würde so ein gesichtsloser Kuli-Job die Wippe meines zersprengten Lebens endgültig nach unten drücken. Und da würde ich dann womöglich dauerhaft auf viel zu kleiner Sitzschale in Bodennähe herum kauern, mit angewinkelten Knien, die Hände an den Griff des Balkens geklammert, und käme nicht wieder hoch. 

Das ist natürlich ein fatalistischer Blick. Einen anderen Blick hatte ich aber nicht zur Verfügung. Ich war in einem Leben ohne Halt deutlich geübt, in kargen Gewässern von Scholle zu Scholle zu springen, und langsam hatte ich davon die Nase voll. Für mich ging es darum, endlich Festland zu erreichen und in mein Leben zu finden. Blutleer Kulis im Akkord zusammenschrauben wäre nicht hilfreich gewesen. 

Der Zufall hat mir zunächst einen dauerhaften Job in einer Kaufhaus-Putzkolonne zugelost. Dort habe ich jeden Abend nach Geschäftsschluss Böden gewischt; Abteilung Süßigkeiten und Damenwäsche. Der Putz-Trupp bestand aus Schülern, Studenten und Menschen, die da ganz regulär beschäftigt waren. Bevor man nach Hause ging wurden gelegentlich die Taschen kontrolliert.

Dann kam ein Kneipenjob, besser gesagt zwei nacheinander, denen ich jeweils mehrere Jahre die Treue gehalten habe. Noch heute weiß ich die Kassennummern einzelner Getränke und könnte sie in die bierverklebte Tastatur tackern: Pils 1, Alt 2, Cola 8, Fanta 9, Wasser 10 und immer so weiter.
Rhabarberschorle gab es damals noch nicht. 
Gäste hingegen gab es damals schon, und so war ich deutlich mehr unter Menschen, als ich es ohne diese Jobs gewesen wäre. Und das war gut. Ich habe viel gelernt. Zum Beispiel bei aller zurückhaltenden Eigenheit wo dazuzugehören.
Ich konnte nun mitwippen.

Außerdem war ich hie und da noch Aushilfe in einer Luftballonfabrik,  Zimmermädchen im Autobahnhotel, Küchenhilfe in der Uni-Mensa … solche Sachen.

Was ich eigentlich hatte schreiben wollen, bevor der Kuli alle war, ist mir entfallen. Womöglich war es genau dies.

11.09.2022

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