Den Fokus korrigieren

„Sing mich noh Hus“ von Kasalla und Gebärdengedolmetscherin Aline Ackers

 

Neulich habe ich Fotos an einer Bühne gemacht. Auf der Bühne die Band, vor der Bühne das Publikum, dazwischen ich mit meinen Kameras im sogenannten Graben. Gerade wird die Zugabe gespielt. Nach einem tobenden Konzert mit Konfetti und Lichtspektakel sitzt der Sänger nun auf einer Kiste und singt ein ruhiges Lied, das ans Herz geht.

Der Rest der Band sitzt auch. Nur die Gebärdendolmetscherin steht nach wie vor. Sie steht am Bühnenrand und ihre Arme, ihre Hände, ihre Finger, die Augen, ihr Mund, ihr ganzes Gesicht machen, dass man Gesang sehen kann. Die Zeichen und Gesten bilden eine sorgfältige Choreografie, es ist ein vielgliedriges Schwingen und Klopfen und Streichen und Rucken. Die Augen eben groß, jetzt klein, der Mund formt ein U, ein O, ein A. Nun eine Zäsur, kurz steht alles still und dann tippen und flippen die Finger wieder flink gegen Brust und Kinn und Hände. Es ist wie spinnen und weben zugleich, und die Worte fliegen eins nach dem anderen zügig als zarte Gespinste ins Publikum.

Still ist es geworden bei dieser Zugabe, kein Beat, kein Bass, kein Schlagzeug. Das Licht bescheiden effektarm. Nur Akkordeon und Gitarre sind zu hören und ein Sänger, der singt.
Und zwei Männer im Publikum, die streiten.

Die Männer stehen in der ersten Reihe, direkt am Wellenbrecher. Vielleicht heißt es auch Drängelgitter, das würde besser passen.

Offenbar hat dort am Geländer eine Platzverschiebung stattgefunden; der eine Mann hat den anderen Mann beengt – oder der Andere den Einen – es ist nicht zu ermitteln. Beide Männer sehen sich jedenfalls erheblich im Nachteil und schimpfen unflätig herum. Es ist dabei eine so gründliche Wut im Spiel, die muss uralt sein, die sitzt fest seit Kindertagen, anders kann ich es mir nicht erklären.
Diese Wut eint die beiden Männer. Was sie vermutlich nicht bemerken.

Auch körperlich sind sie sich ähnlich. Sollte es zum Faustkampf kommen, und zeitweise sieht es danach aus, geht die Sache immerhin in der selben Gewichtsklasse vonstatten. Beide Männer verfügen – eine weitere Ähnlichkeit – über volumenreiche Stimmen, deren Kraft im Bauch zuhause ist. Von dort gestützt drängen die Stimmen nach oben, um in die Welt entlassen zu werden. Zuvor müssen sie jedoch durch eine Enge. Es muss sich um eine außerordentliche Enge handeln, nicht einfach nur die übliche Enge der Kehle im Vergleich zur Weite des Körpers. Mutmaßlich ist es eine wutgeborene Enge, die die Stimmen quetscht und nötigt, die ihnen die Schuhe auszieht und ihre Kraft beschädigt. Statt voll und warm und weithin hörbar nach Außen zu gelangen, landen die Stimmen auf Socken in der steinigen Welt, sie klingen kalt und seltsam deformiert. Weithin hörbar sind sie dennoch.

Ich jedenfalls kann die Stimmen der Männer hören. Ich vermute die Musiker können sie hören. Es ist dem Akkordeonisten zu wünschen, dass wenigstens er hauptsächlich sein Instrument hört.

Die Gebärdendolmetscherin steht unmittelbar vor den Männern am Bühnenrand, nur getrennt vom schmalen Graben, in dem ich stehe und mich schäme. Ich schäme mich für die beiden Männer und dann ärgere ich mich über sie. Ich bin erbost über ihre Unhöflichkeit, ihre Ignoranz, die ganze stumpfe, spaltende Giftigkeit, die sie versprühen.

Die Hände der Gebärdendolmetscherin sausen in gestikulierendem Tanz vor ihrem Oberkörper durch die Luft, unterstützt durch wechselvolle Mimik. Es gelingt ihr dabei obendrein den beiden Männern wiederholt Blicke zu senden, in denen ich – ich kann es nicht anders sagen – urteilsfreien Gleichmut lese. Wenn Deeskalation herbeigeführt werden kann, dann mit diesen Blicken.
Ich bin davon sehr beeindruckt. Die Männer hingegen nicht. Vermutlich bekommen sie von all dem gar nichts mit.

Mich aber erreichen diese Blicke. Sie korrigieren meinen Fokus. Sie holen mich zurück in den Raum, in dem ein Lied gesungen wird, das ans Herz geht.

03.09.2022

14 Comments

  • waldwanderer sagt:

    Wow!
    Sehr schöne Worte hast du da gefunden und gesponnen um mitzuteilen, was du erlebt hast und was dich wie bewegt hat!
    Dankeschön für dieses vielsaitige Geschenk!
    🙏💚🎈

  • Anna sagt:

    Liebe Smilla,

    GESTERN SPÄT denke ich: “Ob Smilla mal wieder bloggt?” – und zack: heute finde ich Deinen Post! Und noch dazu einen sooo feinen! DANKE!

    Wie gut, dass die Blicke Dich zurückgeführt haben! Den Namen der Gebärdendolmetscherin erahne ich. 😉

    So sehr würde ich mich freuen, Dich wieder regelmäßiger lesen zu dürfen!

    Herzliche Grüße – Anna

    • Smilla sagt:

      Liebe Anna, vielen Dank! Ich möchte sehr gerne wieder mehr schreiben, das kannst du mir glauben.
      Auch hier möchte ich den Fokus korrigieren 😉
      Viele Grüße!

  • Anna sagt:

    Jetzt erst sehe ich, dass das Foto die Gebärdendolmetscherin zeigt und deren Name dort steht. (Sorry, ich bin und bleibe ein Textmensch!) Okay, doch eine andere als ich vermutete.

  • Andrea Corneille sagt:

    Sehr schön geschrieben! Danke, Smilla! ❤️

  • Herr Rau sagt:

    Ich habe etwas gelernt, und das gerne. (Freue mich schon auf weitere Texte.)

    • Smilla sagt:

      Danke, das ist toll und freut mich, auch die Ermutigung.
      Ich überlege nun, was das Gelernte sein könnte? Das würde mich wirklich interessieren.

      • Herr Rau sagt:

        Nichts Spektakuläres; ich weiß so wenig, dass ich viel lerne. Wie ein Konzert aussehen kann (ich war mehrere Jahrzehnte lange auf keinen mehr), dass es da Gebärdendolmetschen gibt, wer es besucht, wie sich Publikum verhält, wie du es beurteilst. Wie schön urteilsfreier Gleichmut sein kann.

  • nicola sagt:

    … und wieder mal ein text, bei dem ich denke: diese frau, mit diesem blick und ihrem feinen gespür für
    menschen, ihre besondere art, sie zu beobachten und das gesehene in schöne, maßgeschneiderte worte zu kleiden, also diese frau, die muss doch mal einen roman schreiben?

    • Smilla sagt:

      Liebe Nicola, also da bin ich aber wirklich platt über diese schönen Worte!
      Danke!
      Von einem Roman bin ich ein Universum entfernt, ich hoffe aber, dass ich einfach endlich wieder ein bisschen schreibe. Und deine Worte sind eine tolle Ermutigung. Danke!

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