In Köln war gestern Wind. Das zu erwähnen mag im Vergleich zur stürmischen Lage in anderen Teilen des Landes übertrieben erscheinen. Aber ich mag ihn nun mal, den Wind, und so hat er mich auf die Straße und in die Nacht hinausgezogen. Gut, es war eher abends, genauer gesagt war es kurz nach acht, als ich das Haus verlassen habe, aber Nacht klingt einfach besser. Dafür dass es doch in Wahrheit recht wenig Wind war, der in Köln zu wehen sich die Mühe gemacht hat, war es erstaunlich leer auf den Straßen. Selten habe ich an einem ganz …
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Drei Schaukeln im Garten
Im Garten von Dominique steht eine Schaukel. Genauer gesagt sind es drei Schaukeln an einem Holzgerüst. „Zwei Kinder hast du?“ frage ich Dominique, mit Blick auf die Schaukel. „Ja,“ sagt sie, „die dritte ist für mich.“ Vor meinem inneren Auge sehe ich Dominique auf der Schaukel in fließender Bewegung nach vorn und hinten schwingen, eine Hand am Seil, den Blick nach innen gerichtet. Vielleicht, überlege ich, kommen ihr beim Schaukeln die Ideen, oder sie werden währenddessen konkret und greifbar. In meiner Vorstellung schaukelt …
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Neulich in der Stadt am Meer
Die belgische Küste ist ungefähr 66 Kilometer lang, und wenn man Reisenden und ihren Berichten glauben darf zeichnet sie sich nicht durch naturbelassene Strände und malerische Dünenlandschaften aus. Im Gegenteil scheinen über größere Strecken plattenbauähnliche Wohnburgen die betonierten Strandpromenaden zu säumen. Schön, womöglich mit mehr als einem „ö“, oder einem einleitenden „so“, ist nicht der vorherrschende Kommentar; ganz besonders schlecht kommt die belgische Küste in diesem mare-Artikel weg, in dem die Autorin fragt, …
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Wenn die Gedanken andere Wege nehmen
Dass die Zahlen Eins und Zehn etwas miteinander zu tun haben, hat Sophia schon früh im Mathe-Unterricht erfahren. Verstanden hat sie es nicht. Überhaupt sind ihr die Zahlen und das Rechnen schleierhaft geblieben. Bestimmte Dinge, Zahlenreihen oder das Einmaleins, hat sie einfach auswendig gelernt, ohne einen Zugang zum Sinn des Ganzen zu haben. Erst in der elften Klasse ist schließlich klar geworden, dass Sophia Dyskalkulie hat. Bis dahin hat Sophia in der Annahme gelebt, dass sie wohl dumm sein muss. Dümmer jedenfalls als alle …
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„Für Minuten ein verschollenes Tier …“
„… ich gehöre mir“ singt Cäthe auf ihrem aktuellen Album, mit dem sie gerade durch die Lande tourt. Weil ich sie in Köln kürzlich verpasst habe bin ich ihr ins beschauliche Koblenz hinterhergereist. Ich bin wahrlich keine Musiksachverständige; was mir gefällt entscheidet immer mein Gefühl und nur selten kann ich fundierte Erklärungen liefern. Für mich steht dennoch fest: Cäthe ist eine, die man live sehen muss. Hat man sie dann live gesehen, kann man sich zwischenzeitlich mit ihrer Platte behelfen. „Wie machst du das nur? Ich …
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Raum im Raum
Sich fotografieren zu lassen ist für die meisten Menschen gar nicht leicht: viele stellen, kaum das man die Kamera auf sie richtet, unmittelbar das Atmen ein oder setzen eine Miene auf, mit der sie sich plötzlich selbst nicht mehr ähnlich sehen. Isabelle gestattet mir sie zu fotografieren, aber auch für sie stellt das eine Herausforderung dar. Einerseits zu merken, wie man vor der Kamera abgeschnitten ist von der eigenen Selbstverständlichkeit, und andererseits kaum eine Möglichkeit zu haben diese Selbstverständlichkeit wieder …
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Sechsundsechzig Jahre Übung
Jacqueline dürfte eine der meistfotografierten Frauen von Brügge sein. Jeden Tag, ab ca. 14 Uhr baut sie Stuhl und Klöppeltisch im Türrahmen ihres Hauses auf. Das befindet sich im Kern der Altstadt und liegt somit genau auf der Route der unzähligen Touristen, die sich schlendernd durchs Backsteinhäusermeer bewegen. Natürlich bleibe auch ich stehen und gucke Jaqueline beim Klöppeln zu; Handwerk fasziniert mich meistens, und in diesem Fall werden obendrein Erinnerungen an meine Großmutter wach, die nur selten mal keine Näh-Strick- …
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Baumarkt und Bibliothekskarte
„Ich reise nicht so gern, aber ich wollte gerne mal woanders leben für eine Weile“ sagt Eva. Und so hat für ein paar Monate ihre Heimat in der Schweiz verlassen, um den Sommer in Köln zu verbringen. Sie hat sich ein Zimmer gesucht und sich ein wenig Halt geschaffen in der Fremde: „Ich fühl mich wohl wenn ich einen Raum habe, wo ich Zettel mit Ideen und Notizen aufhängen kann, weiß wo der Baumarkt ist und eine Bibliothekskarte besitze.“ „I don’t really like to travel, but I had the wish to live abroad for a while“ Eva says. So …
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20 Dinge über mich
Ein Stöckchen kursiert; ich habe es vor lauter Arbeit erst spät bei der Kaltmamsell entdeckt, deren ehrliche Liste mich beeindruckt hat. Ich mach jetzt einfach auch mal mit, weil ich nämlich gerne mitmache (siehe Punkt 5). Achtung, es wird persönlich. Meine Liste ist eher Ichig als amüsant angelegt, um mal Herrn Schwenzels Formulierung zu verwenden. Los gehts, bitte hier entlang … 1. Es gibt allerlei Wörter die ich nicht mag: dazu zählen die Wörter Hobby, aller Zeiten, heutzutage … (tbc) (Nachtrag: Filterblase …). …
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receive, give, let go
Durch den Hafen von Oostende schippert eine kleine Fähre, die den lieben langen Tag Menschen und Fahrräder von einem Kai zum anderen bringt. Die Überfahrt dauert zehn viel zu kurze Minuten, die gleich noch mal so schnell dahin zu rasen scheinen, wenn man sie, wie ich, mit Marita verbringt. Marita ist Künstlerin und zusammen mit Ihrem Mann Jaques für ein paar Tage ans Meer gefahren. Derzeit bereitet Marita eine von ihr initiierte Gruppen-Ausstellung vor, die im Oktober 2014 in Gent zu sehen sein wird und die eine besondere …
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Einen Bart wie meine Freundin
Seit sieben Monaten sind Jan und Liselotte Ladenbesitzer. The Lodge Bruges heisst ihr Geschäft, und es befindet sich auf der Lange Straat in Brügge. Kaum 800 Meter vom Markt entfernt ist vom dort routinemäßigen Menschenstrom hier kaum etwas zu spüren. Statt dessen bietet das Viertel rund um die Lange Straat eine Ahnung vom normalen Leben in Brügge; einem Alltag in dessen Mittelpunkt nicht ausschließlich das Grundrauschen der Touristen eine Rolle spielt. Was romantisierende Individualfanatiker wie mich erfreut kann man allerdings …
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Handwerkerseele geht wählen
In Brügge habe ich diese Frau fotografiert, weil ich es ‚irgendwie lustig‘ fand, dass sie ein Kleid in den Farben der Deutschlandfahne trägt. Erst Tage später haben sich mir beim wiederholten Sichten meiner Belgienfotos die Worte schwarz-rot-gold ins Hirn geschlichen, und langsam habe ich begriffen, dass die Farben zwar stimmen, die Reihenfolge allerdings nicht. Ich fürchte, meine politische Bildung ist insgesamt ähnlich ungenau angelegt. Ich hab von vielem schon mal gehört, aber Durchblick sieht doch anders aus. Am …
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Franlis III
Wer sich fortbewegen möchte braucht mitunter eine Fahrkarte. Die erste Fahrkarte eines Donnerstages in Oostende kaufe ich einer freundlichen Dame am Ticketschalter der Kustram ab; der längsten Strassenbahnlinie der Welt, die obendrein am Meer entlang fährt. Es ist ein warmer Tag, schon morgens um zehn schwitzt es sich ganz prima; sogar im Schatten an der Haltestelle. Die Bahn meiner Sehnsüchte trifft schließlich ein, sie ist brechend voll und nur eine Station später möchten – so eine Durchsage des Schaffners – doch bitte alle …
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l’héroïne
Manche Menschen spreche ich so spontan an, dass ich selbst ganz überrascht bin. „Hallo…“ höre ich mich dann sagen, oder „Guten Tag, entschuldigung…“ während ich ‚Huuch‘ denke und mich erst mal flott neu orientieren muss. Die Überraschung meines Gegenübers ist vermutlich noch ein bisschen größer, aber es herrscht dann diesbezüglich immerhin so etwas ähnliches wie Gleichstand. Um so schöner also, wenn sich gleich hernach mit Leichtigkeit auf kurzen Wegen ein Gespräch entwickelt, das dem Small Talk gewissermaßen …
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Unterwegs in Brügge
In Brügge war ich sehr viel unterwegs. Die anderen aber auch. Es ist nicht überall so voll. Kein Foto, sondern ein Gemälde: vom belgischen Maler Marcel Maeyer. Das Bild heißt „Koningin Maria-Hendrikaplein Gent“ von 1974. Gezeigt wird es noch bis morgen im Arentshuis in Brügge. Schönes Wochenende! …