receive, give, let go

 

Durch den Hafen von Oostende schippert eine kleine Fähre, die den lieben langen Tag Menschen und Fahrräder von einem Kai zum anderen bringt. Die Überfahrt dauert zehn viel zu kurze Minuten, die gleich noch mal so schnell dahin zu rasen scheinen, wenn man sie, wie ich,  mit Marita ver­bringt.
Marita ist Künstlerin und zusammen mit Ihrem Mann Jaques für ein paar Tage ans Meer gefahren.

Derzeit bereitet Marita eine von ihr initi­ierte Gruppen-Ausstellung vor, die im Okto­ber 2014 in Gent zu sehen sein wird und die eine besondere Herausforderung an die teilnehmenden Künstler bereithält. Der Titel der Ausstellung lautet „receive, give, let go“ und damit ist bereits die Grundidee des Konzeptes beschrieben: jeder Künstler reicht ein eigenes, fertiges Werk an einen anderen Künstler der Gruppe weiter, der – salopp formuliert – damit machen darf was er möchte.

Jeder der teilnehmenden Künstler erhält wiederum natürlich auch Arbeiten der Anderen, die er anschließend als Ausgangs­punkt für eigene Werke nutzt: „Wenn man die Arbeit eines anderen erhält kann es sein, dass man ein ganz neues Kunstwerk entstehen lässt. Die künstlerische Vision des Gebenden löst beim Empfangenden etwas aus und setzte einen neuen schöpferischen Prozess in Gang.“

„Interessant ist, was in den Künstlern vor­geht, wenn sie etwas so persönliches wie ein eigenes Kunstwerk einem anderen Künstler überlassen, der es definitiv ver­ändern und seine eigene ganz persön­liche Idee und Vision umsetzen wird.“

Die Gruppe der teilnehmenden Künstler besteht derzeit aus sechs Männern und zwei Frauen, ein Teilnehmer hat die Gruppe bereits verlassen: „Im Vorfeld haben wir bei einem Treffen darüber diskutiert, was receive, give let go für jeden bedeutet, das Konzept verlangt eine große Portion Offen­heit. Die Künstler stehen auch jetzt im Austausch darüber, welche Reaktionen und Gefühle das hergeben ihrer indivi­duellen Arbeiten auslöst.“
Bei der Ausstellungseröffnung wird ein Psychologe der Universität Gent zum The­ma sprechen. Die Kunstwerke, die während ihres Entstehungsprozesses regel­mäßig von einem Fotografen dokumentiert werden, dürften eine interessante Ausstellung er­geben.

 

Seit ich Marita getroffen habe schiebe ich meine Überlegungen zu diesem Konzept im Kopf hin und her; seltsamerweise habe ich bislang viel mehr darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, eine künstlerische Ar­beit weiterzugeben; im Prinzip also aufzu­geben, zumindest was den landläu­figen und naheliegenden Aspekt der Individuali­tät betrifft. Aber was mag das Werk eines Anderen auslösen, wenn man damit als Startpunkt für einen eigenen Prozess konfrontiert wird? Wie leicht mag es bei­spielsweise sein, das Werk eines Anderen zu verändern, zu zerstören, umzudeuten?

Auch wenn der Vergleich überraschend sein mag; ich habe mal, als sich die Gelegen­heit ergab, in einem Boxclub ein bisschen probegeboxt.
Meine ungeübten und schwäch­lichen Flie­gengewichtfäuste gegen den muskelge­stählten Profiboxtrainer zu richten, der mir lächelnd die Pratzen ge­halten hat, war für mich eine echte Herausforderung.
Zuschlagen ist nämlich gar nicht so leicht.
Vielleicht überwiegt aber beim Erhalt auch der Geist des Fortführens, des Ergänzens?
Ich vermute, ich werde noch eine ganze Weile darüber nachdenken, wie leicht oder schwer welcher Aspekt von receive, give, let go für mich wohl wäre.

 

9 Comments

  • Sichtbar sagt:

    Finde ich eine sehr tolle Idee, ich mag solche Menschen, die die Initiative ergreifen und sogar anderen damit helfen und eine Freude machen.

    Ich wollte dich mal fragen, ob du die Menschen, die dir interessant erscheinen ganz einfach ansprichst? Wie kommen diese Interviews zustande, manche wollen das bestimmt auch gar nicht oder? Ich fänd es einfach interessant deine Vorgehensweise näher zu kennen.

  • Anna sagt:

    Der Boxclub… Ob Du von jener Nachtschicht sprichst, von der Du mir einst gemailt hast?? Oh, ich hatte gedacht, Du fotografierst da bloß… Selbst (probe)boxend kann ich mir Dich ehrlich gesagt kaum vorstellen… andererseits wäre es folgerichtig, auch wenn Du sonst "nur" fotografiert hast, da es ja eigentlich immer Deiner Vorgehensweise entspricht, das, was Du fotografierst, bzw. die Menschen, die Du fotografierst/portraitierst, so weit wie möglich zu verstehen, wenn ich das hoffentlich richtig verstanden und beschrieben habe.

    Das Ausstellungskonzept finde ich hochspannend! Ich bin keine Künstlerin und wenn ich kreativ bin, sind meine "Werke" ja auch "nur" sprachliche. Aber ich glaube von mir sagen zu können, dass ich es weitaus vorstellbarer finde, ein mir überlassenes Werk gewissermaßen weiter- oder umzudenken oder -zu gestalten. Ich glaube, einer der Gründe, warum ich meine "Werke" bisher keiner irgendwie größeren Öffentlichkeit preisgegeben habe, ist eben der, dass ich, glaube ich, Schwierigkeiten damit hätte, mit den Reaktionen anderer auf mein Geschaffenes umzugehen – jedenfalls dann, wenn sie meiner eigenen Intention beim Schaffen widersprächen. So finde ich diese Ausstellung sehr mutig!

    Und wunderbar finde ich, wieder etwas von Dir zu lesen, liebe Smilla!

  • smilla sagt:

    Anna, nein, das ist schon viel länger her, und der Boxclub war in Ravensburg.

    Ich glaube, dass selbst wenn man für sich selbst konstatiert, dass man ein Werk „weiter- oder oder umzudenken“ es für denjenigen, der es weggegeben hat auf jeden Falle einen massiven Eingriff ins eigene Werk bedeutete, der sicher schmerzhaft sein kann. Und gleichzeitig denke ich, dass es eigentlich auch erst interessant wird, wenn der zweite Künstler sich frei macht davon, das erhaltene Werk weiterzudenken; spannender ist sicher, wenn wirklcih ganz frei gearbeitet werden kann, also gewisserweise ohne Rücksichtnahme.
    Das Projekt ist wirklich speziell, es geschieht ja eine Art Verschmelzung, Verbindung, Interaktion, die keineswegs harmoniestiftend sein muss. Vielleicht geht einer unter im Gefüge usw… ich denke die Auseinandersetzung der beteiligten Künstler, mit sich, mit den anderen, dürfte sehr spannend sein. Es ist für mich schwer mich da hineinzudenken; ich müsste wohl mitmachen um herauszufinden, wie es wirklich ist, nur mit Gedankenspielen komme ich nicht wirklich weiter.

  • Ich möchte mich an der Stelle einmal für diese einfühlsamen Portraits von menschen bedanken. Ich lese diese schön länger und fühle mich jedes einzelne mal berührt , beschenkt und auch mitgenommen. Mir fehlen die rechten Worte dafür, zu beschreiben, was dies mir bedeutet.
    Das Leben ist so reich und dieser Blog ist eine besondere Türe hinein ins Leben.

    Liebe Grüße von Anne

  • smilla sagt:

    Anne, ganz herzlichen Dank dafür!! beste Grüße Smilla

  • Anonym sagt:

    Das Ausstellungskonzept ist sehr interessant. Ich kann mir vorstellen, dass wenn einem das Kunstwerk extrem gut gefällt was man erhält es schwieriger ist es weiter zu bearbeiten. Ich würde das gerne selber auch mal ausprobieren.

  • Oona sagt:

    Erst einmal sieht Marita einfach super aus. Dieses Strahlen. Dieser kecke Haarschnitt…
    Dieses Kunst-Konzept finde ich überaus spannend. Wo eine doch selbst scheinbar ewig braucht bis ein "Kunstwerk" fertig ist. Früher habe ich Speckstein-Arbeiten gemacht. Kleine Göttinnen und sowas.
    Zuerst war ich immer so sorgsam und vorsichtig. HIer und da geschaut und … kam einfach nicht zu Potte. Irgendwann in dem Prozeß bekam ich die Wut und fing an drauflos zu feilen und zu bearbeiten. Die Künstlerin, die diesen Kurs gab sagte später, dass eine von außen genau beobachten konnte, wann ich diesen "Explosionspunkt" erreicht hatte.
    Und dann meine Arbeit z.B. der Frau neben mir zu geben? Wow. Und etwas zu bekommen, dass gar nicht meinen Ideen und inneren Bilder (erst einmal) entspicht. Und das dann auch noch zu verändern.
    Wirklich sehr sehr spannend. Wenn dazu noch ein interessanter Austauch statt findet und von dem inneren, eigenen Prozeß noch mal abgesehen, ist das ganz sicher eine enorme Bereicherung.

    Du warst zu einem Probeboxen?! Genial. Das würde ich gern einmal ausprobieren. Kann ja noch kommen. Jetzt habe ich mich erst einmal entschieden es mit Pferden und lernen zu versuchen.
    Irgendwas ist immer…

    Herzlichste Grüße an Dich
    Oona

    die Dich sehr um Deine Reise an Wasser (in Belgien) beneidet.

  • Anonym sagt:

    Ein wunderschönes Porträt, wie immer hinterlässt mich der Blogbesuch bei dir inspiriert…und ließ mich diesmal hieran denken: http://www.tanzkongress.de/de/themen/choreografische-arbeitsweisen.html#event-48-0

    Alles Liebe! Janina

  • Doro sagt:

    Wow, eine tolle Ausstrahlung, eine tolle Frisur, super sympathisch!

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