Franlis III

 

Wer sich fortbewegen möchte braucht mit­unter eine Fahrkarte. Die erste Fahrkarte eines Donnerstages in Oostende kaufe ich einer freundlichen Dame am Ticketschalter der Kustram ab; der längsten Strassenbahn­linie der Welt, die obendrein am Meer entlang fährt. Es ist ein warmer Tag, schon morgens um zehn schwitzt es sich ganz prima; sogar im Schatten an der Halte­stelle. Die Bahn meiner Sehnsüchte trifft schließlich ein, sie ist brechend voll und nur eine Station später möchten – so eine Durchsage des Schaffners – doch bitte alle Fahrgäste ge­meinsam umsteigen. „Follow the people“ werde auch ich hinaus kom­plimentiert und natürlich steige ich aus und denke, das sind aber ganz schön viele people.
Zu viele für eine heiße Strassenbahn finde ich, Gelegenheit hin oder her. Also werfe ich meinen Plan und das Ticket kurzerhand über Bord und beginne, zu­nächst ein wenig missgelaunt, einen ziel­losen Spaziergang, der mich schließlich zum Pier hinaus aufs Meer führt.

Die zweite Fahrkarte des Tages kaufe ich bei Aaron, der soeben seinen Dienst am Pier beginnt. Auf dem Hinweg ein un­schein­barer Bretterbau, ziert auf meinem Rückweg ein riesenhafter Captain Hook die Ticketbude, die der Franlis III als Start­punkt dient. Bis zur Abfahrt ist noch reich­lich Zeit, aber trotzdem beschließe ich mich festzulegen und folge Aaron in das weiße Häuschen. Drinnen auf dem Tisch liegt, ganz Arbeitsbeginn, noch ein Ruck­sack auf einem Skateboard und ein hastig hingeworfenes Shirt.
„Deine Sachen?“ frage ich, und weil Aaron natürlich nickt frage ich ihn, wie er seine Arbeitskleidung findet. „Naja, is‘ schon ok,“ antwortet er großzügig, „wenn ich nicht müsste, würd‘ ich’s wohl eher nicht anziehen.“

Weil die Franlis III noch nicht am Steg liegt, frage ich Aaron sicherheitshalber, ob man an Bord auch an Deck kann – nicht dass das so eine Wasserstraßenbahn ist. Man kann, sagt Aaron und ich frage, ob er glaubt, dass ich auch mal auf die Brücke darf. „Ach, das geht sicher.“ antwortet Aaron und innerlich verwandele ich mich in Sekundenschnelle in ein achtjähriges Mäd­chen, dass es kaum noch abwarten kann. Äußerlich täusche ich weiterhin mein tat­sächliches Alter vor und gehe mit meinem Ticket möglichst ge­langweilt davon.

Der Tag ist mir gnädig und die Uhr zeigt tatsächlich irgendwann auf Zwei: ich darf an Bord. Zuerst verhalte ich mich ganz normal und begebe mich ans Heck. Kaum dort angekommen finde ich, dass ich nun genügend Anstand bewiesen und Zeit habe verstreichen lassen und eile mit schnellen Schritten endlich zum Käpt’n.

Der Käpt’n wirkt so brummig wie es sich für einen Seebären geziemt, und vorsichts­halber gehe ich auf Nummer Sicher und verleihe meiner Bitte um Einlass mit anein­andergelegten Handflächen Nachdruck.
Noch befinde ich mich ja vier Holzstufen unterhalb des Ziels. Dem Käpt’n, der Pieter heisst, ist es ganz offenbar nicht ange­nehm, auf mich herabzublicken: „Kannst hochkom­men, aber du  musst nicht ’so‘ machen.“ sagt er und ahmt mich nach.

Als Kind, erkläre ich Pieter, durfte ich in einem Urlaub mit meiner glückhaft-tollen Oma auch auf die Brücke eines Schiffes: es war die MS Laboe und der Käpt’n hieß Rückwart. In meiner Erinnerung sind wir täglich mit dem Schiff gefahren. Ich durfte sogar ans Steuer und die Erinnerung an die Zeit auf der Brücke gehört zu den glück­lichsten meiner Kindheit.
„Warum bist du hier?“ fragt Pieter und guckt mich über den Rand seiner Brille an: „Zum fotografieren oder zum steuern?“ „Oh … zum steuern natürlich“ antworte ich. “Aber ich hatte gehofft, das fällt nicht gleich auf.“

 

Und dann ist alles toll. Ich darf bleiben: „Fühl dich wie zuhause,“ sagt Pieter.
Mal sprechen wir, mal nicht, alles ganz entspannt.

Wie ein Kind auf dem Spielplatz, dass dort probehalber die Welt ohne die Mutter erobert, traue ich mich schließlich sogar von der Brücke weg; in der angstvollen Hoffnung, dass mein Platz nicht vergeben ist bei meiner Rückkehr.

Frank ist für die Technik an Bord verant­wortlich. Ob ich  mich unter Deck umsehen möchte, fragt er, und natürlich will ich das.

Die Franlis ist ursprünglich für den Krieg gebaut worden, erklärt Frank. Hier haben früher Kriegswerkzeug und Kojen für die Besatzung Platz gefunden. „Das Wasser außen geht bis zur dritten Planke. Alles noch original erhalten!“ sagt Frank und lobt begeistert die Holzbauweise des Schiffes.

 

 

Nach dem Maschinenraum besichtigen wir die Ruderanlage: der Käpt’n steuert vorn, und hinten wird die Kraft über dicke Stahlseile an die Ruderblätter übertragen.

 

Wieder an Deck sehen wir die Kurve, die das Schiff genommen hat, und ich fotogra­fiere sie so stolz, als wär es meine eigene.

Schließlich ist die Reise zu Ende. Natürlich viel zu schnell. Aber Pieter lädt mich ein auch die nächste Tour mitzumachen und natürlich bleibe ich auf der Franlis bei Pieter und Frank.

 

 

Früher hat Pieter als Skipper auf privaten Segelschiffen gearbeitet: „Bei reichen Leuten.“ So ist er um die Welt gekommen und mit einem kennt er sich aus: mit Wind: „Den Wind muss man lesen und verstehen lernen.“ Pieter zeigt auf ein Segelboot, das gerade den Hafen verlässt: „Da, ein ganz tolles Boot. Aber es hat nie die Segel gesetzt, es fährt immer mit dem Motor.“ sagt Pieter mit einer Mischung aus Verachtung und Bedauern.

 

Seit sechs oder sieben Jahren ist Pieter auf der Franlis III; er ist über sechzig, genauer äußert er sich nicht. Weitermachen will er, solange es geht: in Rente gehen ist für Pieter keine Option.

 

Schließlich endet auch die zweite Tour mit der Franlis III . Pieter bietet mir an, noch eine weitere Runde mitzufahren. Aber ich gehe von Bord, auch wenn es mir nicht leicht fällt. Es ist mein vorletzter Tag in Oostende und ich wollte doch noch so viel anderes sehen …

Einen Tag später, kurze Zeit bevor mein Zug fährt, sitze ich wieder an der Pro­menade; im gleichen Restaurant wie am ersten Tag. Es regnet. Aus Sentimen­talität und weil der Abschied mir schwer fällt, habe ich mir genau das gleiche Essen noch mal bestellt. Draußen auf dem Meer sehe ich die Franlis III tapfer an der Küste ent­lang schippern.

16 Comments

  • Einfach nur schön!
    In Gedanken bin ich mitgefahren ;o))

    LG Astrid

  • ida+hedi sagt:

    Danke für diesen "Kurzurlaub" im Alltag! 😉
    HERZliche Grüße,
    Meike

  • julia sagt:

    herzzerreißend… ganz wirklich… so schön erzählt!

  • Anna sagt:

    Wie gut, dass die ursprünglich für den Krieg gebaute Franlis III auf ihrer Strecke nun schon so lange in friedlicheren Zeiten unterwegs sein und dass ihre Besatzung "Mädchenträume" wahr werden lassen kann! Ahoi, liebe Smilla, und danke für Text und Bilder, die selbst so "bodenständigen" Menschen wie mir fast Reiselust machen!

  • Liebe Smilla,

    ich weiß nicht ob du dich erinnerst. Ich schrieb bereist schon ein Mal an dich. Damals war ich in El Salvador im Auslandssemester und dein Blog gab mir in dieser Zeit ein Stück Heimat (gegen das Heimweh). Heute habe ich diesen Artikel gelesen und er hat mich irgendwo in meiner Seele berührt. Vielleicht ist es das Reisen, das Meer oder die Art wie du deine kindliche Begeisterung beschreibst als du auf die Brücke darfst. Eine Begeisterung die ich nachvollziehen kann. Vielleicht berührt es mich auch weil ich in ein paar Wochen erneut zu neuen "Ufern" aufbreche und Köln verlasse. Also wollte ich Danke sagen. Danke für die schönen momente die du mit uns teilst und Danke für deinen Blog, den ich mitnhemen kann ins kleine Saarland und so auch da immer mal wieder ein kleines Stück Heimat aufsuchen kann.

    Liebe Grüße (noch) aus Köln
    Nora

  • smilla sagt:

    Liebe Nora, klar erinnere ich mich, auch wenn es schon lange her ist
    Vielen dank für deine netten Worte, die mich sehr freuen. Und alles Gute für das Saarland, habe mal ein halbes Jahr in Saarbrücken gearbeitet, ich mochte das da irgendwie. Beim Bäcker zieht man ne Nummer, alles geregelt 🙂
    lieben Gruß Smilla

  • smilla sagt:

    Anna, die Reise wäre auch mit Rolli gegangen… überhaupt ist Oostende sehr barrierefrei insgesamt

    vielen Dank für eure Kommentare!! ich freu mich über jeden einzelnen 🙂

  • Sister Ray sagt:

    Deine Oostende-Bilder gefallen mir ganz besonders gut, weil sie mich an unseren ersten Familienurlaub letztes Jahr im Sommer erinnern. Es waren zwar nur fünf Tage aber es hat mir dort sehr sehr gut gefallen, so viele Kontraste, so viel Meer, so viel Weite und dennoch eine echte Stadt.

  • mo jour sagt:

    Liebe Smilla,

    heute nicht nur tolle Bilder, sondern auch noch gigantisch wortstark:

    "… innerlich verwandele ich mich in Sekundenschnelle in ein achtjähriges Mäd­chen, dass es kaum noch abwarten kann. Äußerlich täusche ich weiterhin mein tat­sächliches Alter vor …"

    und

    "… an Deck sehen wir die Kurve, die das Schiff genommen hat, und ich fotogra­fiere sie so stolz, als wär es meine eigene"

    Ich finde das wirklich preisverdächtig, wie du uns hier einen Kinofilm in den Kopf und ins Herze zauberst.

    Dankeschön!

  • smilla sagt:

    :-), ich danke dir. Mo Jour. Hab es geschrieben, wie es war…

  • AnneS sagt:

    Hallo Nora, Saarbrücken ist nett, bin dort aufgewachsen und kann nur bestätigen, dass man sich da wohlfühlen kann – sehr liebe Menschen. Und du bist ganz schnell in Frankreich! Viel Glück!

  • AnneS sagt:

    Danke auch für diesen Text – ich mag es, wie durch deinen Blick das Besondere, das jeder Mensch hat, zum Vorschein kommt. 🙂

  • Rebekka. sagt:

    Superschön, ich hab' echt alles in Gedanken mitgemacht.

  • sooo toll, liebe smilla!
    war selbst letztes jahr in oostende, fand die fahrt mit der kusttram nicht wirklich schön, ist ja ne normaale straßenbahn, eigentlich.
    und oostende selbst ist, naja, schön nun auch nicht, finde ich…bis auf wenie kleine alte häus*chen mittendrin, kurz vor dem verfall…
    aber deine geschichte hier – wunderbar! der käpt*n, die fotos, alles!! danke
    sagt dornroes*chen. liebe grüße!

  • smilla sagt:

    danke 🙂 dann hab ich ja mit der kustram fast noch mal glück gehabt.
    ich verstehe was du meinst mit Oostende, auch wenn es mir ganz anders geht, ich werd noch einen Oostende-Stadtspaziergang posten demnächst 🙂

  • Oona sagt:

    Ich schreibe mal nur: AHOI !!!

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