Dem Nebel nach

Der Tag beginnt dämmrig und er bleibt es auch. Irgendwann zieht sogar Nebel heran. Oder fällt er herab? Heißt es nicht „der Morgennebel steigt auf“? Aus welcher Richtung aber kommt der Mittagsnebel? Lauter so Fragen, und das in meinem Alter. Das müsste ich doch wirklich alles längst wissen, denke ich.

Ich gehe hinaus, denn ich will in den Nebel hinein, aber er weicht mir aus. Immer wenn ich denke: “Gleich hab ich ihn, wenige Meter noch, dann umfängt er mich“, stelle ich kurz darauf fest, dass er schon wieder abgerückt zu sein scheint. Es ist eben kein dichter Nebel. Es ist nur ein einfacher, normaler, ein unentschlossener Nebel wie aus Versehen, einer der in sich schon beinahe sein Verschwinden trägt, einer der bereit ist sich jederzeit aufzulösen. Ich will mich nicht beklagen, auch ein unentschlossener Nebel ist ja schon mal was. Ich hege eine tiefe Verbindung zum Nebel, doch, ich kann sagen es ist Liebe im Spiel.

Dieser Nebel hier ist nicht zu fassen. Lange laufe ich ihm nach, aber nie komme ich ihm wirklich nahe. Er bleibt ein Versprechen mit Abstand, und ich mache Fotos, als könnte ich dem Nebel damit irgendwas beweisen: „Sieh hier, das bist du. Nun bleib halt mal da, und lauf nicht davon.“

Dieser Nebel hat nicht die Kraft Geräusche zu schlucken. Er trägt mich nicht aus der Welt. Na gut, ein wenig tut er das schon.
Am Strand bin ich nahezu alleine. Nicht viele suchen die Gesellschaft des Nebels, wie es scheint. Je weiter ich am Meer entlang gehe, immer weiter weg vom Ort mit Strassen und Läden und Menschen, aber auch noch weit weg vom nächsten Ort mit Strassen und Läden und Menschen, irgendwo da auf dem Weg bin ich ganz alleine mit dem Meer, dem Nebel, dem Sand, und da fällt mir wieder ein, was der Nebel noch kann, außer Geräusche zu schlucken. Er kann die Zeit anhalten. Er kann eine Ahnung von Zeitlosigkeit sich langsam ausbreiten lassen, im Kopf, im Körper, in den Augen, im Geist. Und Zeitlosigkeit ist noch viel besser als angehaltene Zeit.

Der Nebel macht die Welt nicht kleiner, er macht sie größer. Wenn man nicht mehr weit gucken kann, wie unendlich mag die Weite dahinter dann sein?
Lange laufe ich am Strand entlang. Immer wieder bleibe ich stehen und freue mich. Über den Nebel, das Meer, die Zeitlosigkeit und ja, auch darüber, dass ich ungefähr weiß wo ich bin, das will ich nicht verschweigen.

Irgendwann kehre ich um. Der Nebel lässt nach, er zieht sich zurück, er löst sich auf, schwindet ungesehen hinfort und entlässt mich in den nahenden Abend. Zum Anbruch der Dämmerung wird es sogar etwas heller.

15 Comments

  • Simone sagt:

    Hach … allerschönst.

  • Anne sagt:

    Sehr klar und wundervoll geschrieben, der Nebel. Habe gerade heute darüber nachgedacht ob er fällt oder aufsteigt ❤️

  • Sabine sagt:

    …und wo ist der Nebel und einfach überhaupt alles…schöner als in domburg!❤

  • müller sagt:

    Mit einem „Haaaaaaaaaaaaaaach“ lichtet sich mein innerer Nebel – „DAS hast du vermisst: Dieses Auge, diese zaudernde, zögerliche, erstaunt der inneren Bildwelt folgende, punktgenaue, kraftvoll schraffierede Sprache – es lag nur an der Abwesenheit von Smilla… jetzt wird alles gut.“
    Und so startet das Wochenende in eine besser Welt. Danke!
    der Dachbar aus der alten Welt

    • Smilla sagt:

      Liebster Dachbar, oh herzlichen Dank! Ich freu mich wie blöde! Danke für deine schönen Worte! Meine Verneigung, ich will mein bestes geben, nicht wahr …

  • Luise sagt:

    Ein langweiliger, trüber Januartag, Rumgedaddel im Internet, ach, ich schau‘ mal bei ‚Anders Anziehen‘, diesem wunderbaren Blog mit den Bildern und Texten, die mich über lange Zeit begleitet, erfreut, inspiriert, berührt und erbaut haben…….., und freu‘ mich wie verückt, liebe Smilla, dass es einen Neustart gibt und ich weiter teilhaben darf an deinem offen Blick auf die Menchen und Orte und deinen klugen, tiefen und grundmenschlichen Gedanken.

  • Carsten sagt:

    Smilla!
    Endlich! Wieder was zu lesen – und dann gleich so ein Knaller-Text. Nein, nicht knallig, eher nebulös im besten, wörtlichen Sinn.
    Knorke!
    C.

  • birgit brabetz sagt:

    gibt ja keine zufälle
    ich lese wieder bei seelenfarben und seh den link anders anziehen
    denke klick mal drauf und tadaaa
    da werd ich wieder öfterreinschaun
    allerliebste grüße birgit

  • Katrin sagt:

    Ich freu mich auch, daß Du wieder schreibst, liebe Smilla.
    Und grad hab ich auch mal rückwärts gelesen Nebel – Leben.
    Der Blog lebt wieder.
    Alles quicklebendige für Dich!
    Katrin*

  • Rosi sagt:

    wunderschöne Bilder
    ich mag den Nebel auch und ja..
    manchmal fällt er und manchmal steigt er 😉

    liebe Grüße
    Rosi

  • Esther sagt:

    Hach. noch eine Nebelfreundin. Ich winke fröhlich hinüber und freue mich auf mehr – Texte und Bilder.
    Liebe Grüße
    Esther

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