Ein Leben in der Nachbarschaft

„Man muss es nehmen wie es kommt. Da steht man sich immer am besten. Es gibt Sachen, die kann man nicht ändern.“ Frau W. tupft ihre Sätze fast singend dahin, ihre Worte sind wohl intoniert und liegen doch sanft in der Luft. Hier legt Frau W. besondere Betonung auf ‚kann‘ und ihr Blick lässt ahnen, dass es in ihrem Leben viele Situationen gab, in denen sie die Grenze des ‚kann‘ genau ausgelotet hat. Sie hat gelernt Möglichkeiten erfinderisch nutzen und anzuerkennen wo Schluss ist – wo etwas nicht zu ändern ist.

„Ich glaube, das hab ich von meiner Mutter, meine Mutter war auch so.“
Frau W. war fünf Jahre alt, als der 2. Weltkrieg anfing: „Ein Schutzmann kam und hat an der Tür geklingelt. Der hat gesagt: ‚Der Krieg hat jetzt angefangen. Alle Fenster müssen verdunkelt werden‘. Und überall – neben der Toilette und in der Küche – überall sollte man Eimer mit Wasser stehen haben.“ Aufgewachsen ist Frau W. im Gereonsviertel in Köln: „Ich hatte eine schöne Kindheit bis dahin, wir haben auf der Strasse gespielt, es gab ja kaum Autos, da ging das noch.“

In den ersten Kriegsjahren hat ihre Mutter begonnen Sachen nach Magdeburg zu einer Verwandten zu schicken. „Meine Mutter war eine sehr vorausschauende Frau. Die hat gewusst, wenn wir fliehen müssen haben wir sonst gar nichts mehr.“ Im Juli 1943, als der Luftkrieg in Köln besonders schlimm war, sind die Eltern mit ihr nach Schlesien geflohen. Sie waren mit dem Zug unterwegs, und irgendwo an einem kleinen Bahnhof sind sie ausgestiegen. „Da kamen dann Leute, also Bauern die bereit waren uns aufzunehmen, wo wir bleiben konnten.“ Frau W. war damals acht Jahre alt.

Frau W. lebt in meiner neuen Nachbarschaft. Neu, weil ich ‚erst‘ seit anderthalb Jahren hier wohne, nachdem ich über 20 Jahre lang Teil einer anderen Nachbarschaft war. Bis vor 12 Tagen beschränkte sich der Kontakt von Frau W. und mir überwiegend auf die klassisch losen Zufallsbegegnungen; das kurze Gespräch auf der Strasse. Das ist nun anders, denn ich erledige für Frau W. den Einkauf und was sonst noch so anfällt an kleineren Besorgungen. Wir lernen uns nun gerade besser kennen; werden zu Komplizinnen in Zeiten von Corona. So ist jedenfalls meine Empfindung. Ich habe Frau W. gefragt, ob ich sie im Blog vorstellen darf, und ich freue mich sehr, dass sie eingewilligt hat. Unsere Gespräche finden am Telefon oder am geöffneten Fenster statt. Auch für die Fotos gab es nur das Fenster als Möglichkeit.
 
 

Bevor der Krieg zu Ende ging mussten sie erneut fliehen. Der Vater war gefangen genommen, Frau W. war allein mit ihrer Mutter. Gemeinsam haben sich die beiden erst nach Magdeburg aufgemacht, um dort ihr deponiertes Hab und Gut einzusammeln. Von dort ging es weiter Richtung Münsterland, wo die Mutter eine Chance zum Leben für sie sah. Meist waren es Soldatenzüge in denen sie mitgefahren sind. Immer wieder waren die Gleise zerstört. Dann mussten sie aussteigen und zu einem Transport laufen, um zum nächsten Bahnhof zu kommen: „Vier Koffer hatten wir. Die waren so schwer dass meine Mutter immer mit zwei Koffern ein Stück gegangen ist, und dann hat sie die abgestellt und hat die anderen nachgeholt. So haben wir uns vorwärts bewegt.“

Mehrere Tage hat die Reise gedauert, die Erinnerungen sind lebendig. In Hannover haben sie eine Nacht im Luftschutzkeller verbracht. Einmal hat Frau W. ihre Mutter beinahe im Tieffliegerbeschuss verloren. In der Bahnhofsmission in Münster gab es etwas Warmes zu trinken. Irgendwann sind sie schließlich an ihrem Ziel, dem kleinen Ort Reken, angekommen.

In Reken hat Frau W. bei den Bauern gearbeitet. Das hat ihr Spaß gemacht. Einmal die Woche durfte sie ihre kleine Milchkanne befüllen. Manchmal haben sie und ihre Mutter irgendwo etwas gehamstert: „Mal ein Stück Speck oder so.“ Zuerst hat sie mit ihrer Mutter ein einzelnes Zimmer bewohnt: „Mit Schräge. Da haben wir die Ratten im Dach gehört. Das war nicht schön.“ Später bekamen sie etwas mehr Platz und durften einen Raum im Keller als Küche benutzen.
„Eines Tages rief jemand: ‚Da kommt ein Soldat‘. Ja, und das war mein Vater. Ganz schmal.“

Frau W. hat immer viel gearbeitet. Als Kind hat sie bei den Bauern gelernt Kühe zu melken. Mit 13 Jahren endete ihre Schulzeit und sie hat in einer Spinnerei als Aushilfe angefangen. Die Spinnerei war 50 km entfernt in Epe. „Ich habe dort in einem Schwesternwohnheim gewohnt. Da gab es einen Schlafsaal. Ich fand das toll, auch was da angeboten wurde. Man lernte Handarbeiten, man konnte turnen, man hatte Ausgang.“ Danach hat Frau W. in einer belgischen Garnison gearbeitet und schließlich hatte sie eine Stelle als Putzkraft in einem Büro. Egal was Frau W. gemacht hat; sie hat sich immer reingehangen.
Eine Ausbildung hat Frau W. nicht gemacht. „Ich hätte schon gerne etwas gelernt. Aber es war nicht die Zeit …“, sagt Frau W.

Dann hat Frau W. ihren Mann kennengelernt. Mit ihm hat sie vier Kinder bekommen. Zwei Jungen und zwei Mädchen. Putzen gegangen ist Frau W. aber immer noch. „Manchmal hat eine Nachbarin die Kinder zur Schule gebracht oder schon mal die Kartoffeln geschält. Das ging schon.“

Vor einigen Jahren ist ihr Mann gestorben. Heute lebt Frau W. allein mit ihrem Kater. Nun ist Corona und ältere und alte Menschen sollen nicht mehr rausgehen. „Ich weiß, ich weiß…“ sagt Frau W., die auch das nimmt, wie es kommt. Schwierig ist allein die Hilfe anzunehmen. Immer wieder hat Frau W. mir schon versichert, dass sie früher auch geholfen hat wo es ging. Ich habe daran keinen Zweifel. Immer wieder versichere ich ihr im Gegenzug, dass meine Hilfe nicht davon abhängt, dass sie von nichts abhängt. Ich mache es einfach gerne. Punkt.

Die ersten Einkaufslisten waren die kompliziertesten. Welche Dinge, welche Sorte in welcher Menge, wo darf ich variieren, welches Produkt oder welche Marke soll es auf keinen Fall sein. Manchmal fotografiere ich Verpackungen, die sie mir entgegen hält. Manchmal überlegt sie wie etwas heißt: „Hach, ich sehe es vor mir. Nur das Wort fällt mir nicht ein. Die Leute denken ich bin dumm“, sagt Frau W., und ich zumindest denke das keinen Moment. Und dann fällt es ihr doch ein: Spitzkohl.
„Ach, und Joghurt. Der eine. Sie wissen schon“, hat Frau W. vor ein paar Tagen zu mir gesagt. Darüber habe ich mich gefreut. Es ist mir eine Ehre zu wissen, welchen Joghurt ich für Frau W. kaufen soll.

24.03.2020

18 Comments

  • Anna Mantei sagt:

    Von Menschen wie Frau W. kann mensch gerade derzeit viel lernen, denke ich. Danke an sie, dafür dass sie sich portraitieren ließ und danke an Dich, dass Du uns teilhaben lässt! Unbezahlbare, uneinkaufbare Erfahrung, sich auf diese unerwartete Weise kennen- und schätzen zu lernen, glaube ich. Und dann kriegen auch noch wir Lesende ganz kostenlos etwas davon mit! Mein einziger „Wertschätzungsbeitrag“ dafür kann leider nur dieser Kommentar sein. Möge Frau W. auch durch diese Zeit gesund hindurchkommen – und Du, Smilla, ebenfalls!

  • Simone sagt:

    Hach schön. Und sie wohnt mit Katze💜

  • Hauptschulblues sagt:

    H. liebt Ihre Portraits. Die ergäben ein schönes Buch. Aber das ist ein anderes Thema.

  • Astridka sagt:

    Toll, schon wieder so ein spannendes Porträt! Ja, die Hilfe annehmen, wo man doch lieber selber immer gerne angepackt hat. Ich habe das bis vor ein paar Jahren bei meiner Mutter erlebt, die sich so schwer tat. Und jetzt darf auch ich mich darin üben. Aber es geht schon! Gelacht habe ich über den Jogurt, denn ich habe auch grade Bildchen von der R*ewe-Seite gezogen, damit mein Einkäufer auch ja den richtigen mitbringt, da bin ich sehr eigen. Und dann habe ich mich noch amüsiert, weil ich den Ort Reken zufälligerweise kenne, ist ja nicht grade ein NRW-Hotspot….
    Ich würde mich über weitere ähnliche Beiträge freuen. Übrigens ist eine der Porträtierten aus deiner andersanziehen-Zeit nun hier in der Straße im Pflegeheim und kam immer mit dem Rollator an meinem Haus vorbei, immer noch modisch auffallend.
    Gute Nacht!
    Astrid

    • Smilla sagt:

      Oh, das ist schön und traurig zugleich. Gerne würde ich sie besuchen und das geht ja nun nicht. Ich habe oft an sie gedacht, Herr Kleine war ja schon sehr alt damals. Ich freue mich von Frau Kleine zu hören. Ich hoffe es geht ihr gut! Danke!

  • Simone sagt:

    Auch ich möchte als „Wertschätzung“ dieser schönen Webseite und dieses Beitrages meinen Kommentar zurück lassen. Freue mich sehr das es hier weiter geht liebe Smilla .
    Dein Porträt erinnert mich an meine Omi und meine Mama, die sich auch durch die vielen Kriegswirren durchschlagen mussten und auch aus vielen Sitautionen das Beste machten.
    Hilfe annehmen fiel Ihnen schwer *lach*!
    Alle guten Wünsche für Frau W. und auch für Sie !
    Freue mich über Weiteres ! Lebenswege und Menschen sind immer spannend!
    Simone

  • Anke von Heyl sagt:

    Das erwärmt mein Herz. So eine schöne Geschichte über eine sehr sympathische Frau. Toll, dass ihr Nachbarinnen seid. Und ist es nicht eines der guten Dinge an diesem Corona, dass solche Begegnungen vielleicht eher passieren als sie sonst passiert wären.
    Richte Frau W. unbekannterweise ganz herzliche Grüße aus und bleibt gesund. Beide.

    Liebe Grüße von Anke

    • Smilla sagt:

      Liebe Anke, danke dir, das werde ich später machen! Sie liest übrigens auch hier mit und freut sich sowieso über die Kommentare 🙂

  • Hanna sagt:

    Deine zarte Nähe mit Frau W. und deine feinen Worte erfreuen mich sehr. Beides tut soooo gut. Danke, liebe Smilla. Mir ist es eine Ehre, Dir persönlich begegnet zu sein 😉

  • birgit brabetz sagt:

    wieder so ein schönes portrait liebe smilla
    wie wundervoll frau w. und ihre lebensgeschichte kennenzulernen
    frau w. ich bewundere sie wie gelassen sie diese herausforderung bewältigen
    danke fürs teilhaben lassen

  • Frau Argueveur sagt:

    Jetzt sitze ich hier und komme erstmals in diesen Tagen des Homeoffice zu einer Mittagspause, in der ich nicht nur eine Kleinigkeit esse und für 15 Minuten die Augen schließe. Sondern lese. Ich bin ganz bewegt und gerührt. Und so dankbar, dass es auch solche Einkaufsengel im Haus meiner Eltern gibt – mehr als 400 Kilometer entfernt bekommen sie die Hilfe, die ich gerade nicht leisten kann. So schön, dass es es solche Mensche gibt. Dass es dich gibt. Und deine Nachbarin und ihre Katze.

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