Die rote Brigitte

Sonntags hat Brigitte frei. „Da geh ich nicht ans Telefon, niemand kommt zu Besuch. Nichts, nichts, nichts. Sonntag wissen alle Bescheid: Da bin ich nicht da.“ Manchmal macht sie einen Spaziergang oder ein bisschen Yoga oder sie sitzt einfach so da. Wenn sie Lust hat, macht sie an einer Handarbeit weiter. Oder auch nicht. „Ich drömmel so rum“, sagt Brigitte. Der freie Tag ist wichtig für sie: „ Weil da mal nichts los ist, weil ich keine Verpflichtungen habe. Montags steh ich wieder auf der Matte.“

Neulich hat Brigitte hier einen Kommentar hinterlassen, der mich so neugierig gemacht hat, dass ich ihr geschrieben und sie gefragt habe, ob ich sie im Blog vorstellen darf. Sie hat zugestimmt, was mich sehr freut. Als ich sie besuche steht Tee und Kuchen auf dem Tisch und ich schäme mich augenblicklich, denn ich habe nicht mal das kleinste Blümchen für sie dabei.
 
 

Brigitte hat in ihrem Leben vieles bewegt und ins Rollen gebracht und sie tut es noch. In den späten 60er Jahren hat sie angefangen sich für Politik zu interessieren und wurde als erste Frau – obendrein evangelisch und zugezogen- in Bad Honnef direkt in den Stadtrat gewählt. Dort hat sie neben kommunalpolitischen Angelegenheiten eine wesentliche Neuerung auf Bundesebene in die Wege geleitet: Das Unterhaltsvorschussgesetz. Darin wird der Unterhalt von Kindern allein erziehender Elternteile geregelt, wenn der ehemalige Partner nicht zahlt. Die Forderungen werden an den Staat abgetreten, der den Unterhalt als Vorschuss auszahlt und sich das Geld beim ehemaligen Partner wiederholt. Gerade in den 70er Jahren war das für Frauen ein wichtiges Gesetz, denn die übliche Konstellation war die, dass Mütter den Unterhaltszahlungen der Väter nachjagen mussten. „Ich habe das häufig mitbekommen und dachte, das kann doch nicht sein“, sagt Brigitte.

Den ersten Antrag hat sie 1973 im Stadtrat gestellt: „Da wurde das natürlich abgelehnt. Das war die Zeit, da gab es im Stadtrat von 33 Ratsmitgliedern 2 Frauen. Eine von der CDU, die hat nie etwas gesagt, und eine von der SPD, das war ich. Und wenn ich mich meldete, dann brachen alle zusammen: ‚Die rote Brigitte, jetzt hat sie wieder was …‘“, erzählt Brigitte und ahmt den stadträtischen Ablehn-Seufzer nach, der ihr damals oft genug entgegenkam. „Manchmal bin ich von Ausschusssitzungen nach Hause gekommen und hab geheult. Hab mich ins Bett gelegt und geheult. Vor Zorn, vor Wut, vor Ärger.“ Aber sie hat sich nicht unterkriegen lassen.

Den zweiten Antrag hat sie dann bei einem Bezirksparteitag gestellt. „Ich dachte, ich mache das jetzt auf Parteiebene.“ Dort wurde der Antrag angenommen und so ging es weiter zur Landesebene. Nach dem Beschluss beim Bundesparteitag wurde schließlich im April 1979 im Deutschen Bundestag das Unterhaltsvorschussgesetz verabschiedet.

Brigitte hat drei Kinder großgezogen und war 60 Jahre lang verheiratet. Vor einigen Jahren ist ihr Mann gestorben: „Das war richtig furchtbar. Ich habe wirklich heftig getrauert. Ich hab nicht gedacht, dass das so schlimm sein würde.“ Aber irgendwann kam ein weiteres Gefühl hinzu: das Gefühl von Freiheit: „Ich dachte: ich bin ja jetzt frei. So frei war ich zuvor nie.“

Also hat sie überlegt, was sie nun tun kann. Gemeinsam mit guten Freundinnen, die einen Sri Lanka-Hilfeverein gegründet hatten, ist die Idee entstanden, dass Brigitte in Sri-Lanka Patchwork-Unterricht an einer vom Verein unterstützten Schule geben könnte.
Und so hat Brigitte sich ein Flugticket gekauft und ist nach Colombo geflogen, um dort drei Wochen in einem Teeanbaugebiet Mädchen das Nähen beizubringen.
Damals war sie 84 Jahre alt.

Ein Jahr später war sie noch einmal für fünf Wochen dort. Als sie im Herbst 2015 drauf und dran war einen dritten Flug nach Sri Lanka zu buchen, kam ihr ein Gedanke: „Warum fliegst du jetzt nach Sri Lanka, du kannst doch auch hier was machen.“ So ist die Internationale Nähstube für geflüchtete Frauen entstanden, die sie mit anderen Frauen zusammen organisiert. Dort werden Taschen nach dem Motto „Stoff statt Plastik“ oder Decken aus geschenkten Stoffen genäht, die gegen eine Spende abgegeben werden. Im vergangenen Jahr wurde die Nähstube mit dem Ersten Integrationspreis Rhein-Sieg geehrt.

Seit 20 Jahren arbeitet Brigitte an dieser großen Decke, die nun fast fertig ist. Eines Tages soll sie zu einem großen Fest den Tisch schmücken.
 

Ihre Resilienz ist für Brigitte eine wichtige Ressource: „Also wenn es mir schlecht ging habe ich immer in mich hineingehorcht und eine Lösung gefunden wie wir weiter kommen.“ Brigitte ist Problemen nicht aus dem Weg gegangen, sie hat lieber gehandelt als geklagt.

„Ich bin auch in engem Kontakt mit dem lieben Gott. Ich bedanke mich jeden Tag dafür, dass ich noch leben kann, meine Dinge tun kann die ich tun möchte und die mir im Leben einfach wichtig sind. Ich kann das nicht so philosophisch ausdrücken, es ist einfach so.“ Brigitte überlegt und sagt: „Ich hab auch keine Angst vorm Sterben. Ich habe in meinem Haus mehr leere Schubladen als volle. Denn wenn ich sterbe werden die Kinder das Haus verkaufen, und sie werden es räumen müssen. Dieser Moment wird kommen. Er wird kommen…“. Sie sagt das ohne Pathos, es ist eine Feststellung, formuliert mit Herz und Sachlichkeit.

In Brigittes Arbeitszimmer hängt eine Ahnentafel der Familie ihrer Mutter, die bis 1485 zurückreicht. Aber ganz oben ist sie auch noch drauf: sie wurde 1931 geboren und wird im Frühjahr 89 Jahre alt. An einer anderen Wand hängt ein Bild, das sie im Alter von 12 Jahren zeigt. „Ich hatte eine ganz liebe, wunderbare Kindheit. Es war zwar auch schwer; wir mussten ja aus unserer Heimatstadt flüchten, aber meine Mutter war ein toller Mensch.“ Die Mutter hat nicht viel gesprochen, aber sie hat Brigitte machen lassen: „Sie hat mir gesagt: ‚Ich vertraue dir!‘ und irgendwie ist da ein großes Vertrauen in mir gewachsen, dass mich heute nix mehr umwirft.“

89 Jahre Leben bergen jede Menge Geschichten in sich. Viel mehr, als hier erzählt werden kann. Brigitte wurde das Bundesverdienstkreuz verliehen, sie hat ein Kinderkleinheim gegründet um sechs verwaisten Kindern zu ermöglichen weiter im Elternhaus aufwachsen zu können, sie hat eine Denkmal- und eine Baumsatzung in ihrer Kommune erwirkt und schließlich dafür gesorgt, dass auch einer tatkräftigen Vertrauten erst kürzlich das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

In Brigittes Büro gibt es Ordner um Ordner, in denen sie ihr Leben aufgezeichnet hat.

Danke, Brigitte, dass ich dein Gast sein durfte!

03.03.2020

15 Comments

  • Astridka sagt:

    Solche Frauen gibt es, zu Hauf, jetzt und immer schon, wie ich bei meinen Recherchen zu „meinen“ Great Women feststellen muss. Aber immer schön im Schatten der bekannteren Männer gehalten. Toll, dass du Brigitte da herausgeholt hast und sie so schön vorstellst, auch mit deinen wunderbaren Fotos.
    Alles Gute!
    Astrid

  • Violine sagt:

    Danke für das schöne Portrait! Es macht Mut, den eigenen, aufrechten, engagierten Weg zu gehen bzw. andere darin zu unterstützen.

  • Hauptschulblues sagt:

    Wie gut, dass Sie über diese Frauen schreiben und ihnen ein kleines Denkmal setzen.

  • Simone sagt:

    Da bin ich ganz gerührt. Wunderschön. Und besonders schön das Foto mit dem wehenden Kleid und darunter der Satz:“So frei war ich nie zuvor.“ Schön, schön, schön. Danke.

  • Kaltmamsell sagt:

    Welch wunderschönes Porträt in Wort und Bild, welch wunderbare Frau.

  • Anna Mantei sagt:

    Nun rätsele ich, was Brigitte hier für einen Kommentar hinterlassen hat und ob ich ihn wohl gelesen habe!?

    Danke fürs Teilen dieser schon beim Lesen bewegenden Begegnung!

  • Mareike sagt:

    Tolle Frau! Und danke für die schöne Vorstellung! Wegen solcher Menschen lebe ich gerne auf dieser Erde, auch wenn in den Nachrichten immer furchtbarere Dinge zu lesen sind! Wenn nur die „großen“ auch so einen Sinn für Gerechtigkeit und Menschlichkeit hätten….
    Liebe Grüße
    Mareike

    PS: schön, dass du wieder schreibst und uns teilhaben lässt an deinen Erlebnissen! Danke, Smilla!

  • Ina sagt:

    Vielen Dank für das Portrait dieser beeindruckenden Frau.
    Ich glaube, ich drucke es mir aus – so als Merkzettel für später, wenn ich vielleicht mit meinem Alt-Werden hadere.

  • Ulrike sagt:

    Ein schönes Portrait einer großen Frau – ohne das ich nie gewußt hätte, wem ich es zu verdanken habe, dass ich als alleinerziehende Mutter und selbständig arbeitende Musikerin überleben konnte.

  • Trulla sagt:

    Was für eine tolle Frau!

  • Dorothea sagt:

    Danke Mutti, dass du uns 3 Töchter großgezogen hast.
    Wir haben viel gelernt und mitbekommen..
    Gott segne dich ! Deine Tochter Dorothea

  • Andy sagt:

    Toller Bericht und eine tolle Frau!
    Schön, dass solche Reportagen entstehen können

Schreib mir!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© Smilla Dankert 2019 | Impressum | Datenschutz