Von sich selbst sprechen

Zu schweigen ist für Sakher keine Option: Themen, über die berichtet werden muss, die kritisch zu hinterfragen sind, Zusammenhänge, die es zu verstehen oder Missstände, die es zu benennen gilt – Sakher will sie an – bzw. aussprechen. Er möchte, dass Wahrheiten es ans Tageslicht schaffen und sie nicht unterwegs durch politische, persönliche oder wirtschaftlichen Interessen pervertiert werden: „… weil es um Macht oder Geld geht.“

Um ein Leben führen zu können, in dem es ihm möglich ist als Journalist zu arbeiten ohne politisch verfolgt zu werden, ohne an Leib und Leben bedroht zu sein, hat Sakher eine lange, schwierige Reise angetreten. Sein Ziel: Deutschland, die Freiheit.
„Ich bin bereit den Preis zu zahlen, den mein Wunsch nach einem freien Leben kostet.“ Er hat Syrien verlassen, seine Eltern, Geschwister, Freunde. Er lebt nun in einem Land, in dem er zunächst monatelang Ungewissheit aushalten und sich um eine Aufenthaltserlaubnis bemühen musste. Im Spätsommer letzten Jahres hat er sie erhalten. „Das war ein wichtiger Schritt: denn nur so kommt man aus dem Flüchtlingscamp heraus und kann den Flüchtlings-Status hinter sich lassen.“ Für Sakher steht nun der zweite Schritt an: „Eine Wohnung zu finden.“ Schritt für Schritt will Sakher sich sein neues Leben aufbauen. Er lernt Deutsch, knüpft Kontakte, schließt Freundschaften. Er entwickelt Ideen und Pläne, die seine berufliche Zukunft betreffen, und er versucht, das System Deutschland zu verstehen, damit er Notwendigkeiten und Möglichkeiten einschätzen kann.

Sakher hat Politikwissenschaften in Damaskus studiert. Kritische Recherchen zu politischen Themen haben ihn schon während seines Studiums ins Blickfeld des syrischen Geheimdienstes gerückt, schließlich wurde er verhaftet und war im Gefängnis. „Am Gefängnis ist nicht das Schlimmste, dass man darin sterben kann. Das Schlimmste ist, was alles mit einem passieren kann, bevor man stirbt.“ Sakher hatte Glück, er wurde aus dem Gefängnis entlassen; mit der Warnung, dass man ihn weiterhin beobachtet. Sakher musste lernen heimlich zu sein. Eine zweite Verhaftung hat er nicht abgewartet.

Sakher ist es ernst mit seinem neuen Leben, mit der Chance, für die er sich in Unsicherheit und Gefahr gebracht hat, um Krieg und Verfolgung zu entkommen. Die schlimmsten Stunden seines Lebens hat er auf der Flucht erlebt. Sakher kann sie klar benennen: „Die Fahrt in einem kleinen Boot übers Meer, der Marsch durch die Berge von Mazedonien nach Serbien.“ Nach einem kleinem Moment fügt er hinzu: „Und die Zeit im Gefängnis.“

Die Geschehnisse der Silvesternacht in Köln am Bahnhof machen Sakher wütend – aus vielen Gründen. Weil die Taten selbst schrecklich und inakzeptabel sind, weil sie im Nachhinein instrumentalisiert werden, weil Sakher sich mit einem Generalverdacht gegenüber allen Flüchtlingen konfrontiert sieht. Deswegen hat er sich geäußert. Er hat einen kurzen Text geschrieben, den er auf Facebook veröffentlicht hat. Es war ihm wichtig, diesen Text auf Deutsch zu schreiben, nicht auf Englisch – was ihm leichter gefallen wäre. Also hat er das Wörterbuch bemüht und sich Stück für Stück voranübersetzt.

Sakher war es wichtig, diesen Text genau so zu verfassen: „Ich spreche darin über mich selbst.“
Inzwischen hat Sakher eine Online-Veranstaltung bei Facebook erstellt: Syrer gegen Sexismus. Darin verdeutlicht er seine Haltung und ruft Menschen auf, ein Foto von sich zu posten, mit einem Schild in der Hand, das sich gegen Sexismus ausspricht.

Einen Standpunkt zu beziehen, sich mit so persönlichen Worten sichtbar zu machen, auch das gehört für Sakher zu Integration. „Wir müssen alle zusammenleben, in einer Gesellschaft als Gemeinschaft. Es geht nicht anders.“ In Sakhers Augen lebt eine Gesellschaft vom Miteinander und vom Austausch. Und vom gegenseitigen Respekt.
So kurz Sakher auch erst in seiner neuen Heimat ist: er bringt sich ein, er gestaltet das Geschehen mit, und zwar von Anfang an. In Dortmund war er Mitinitiator eines Protestcamps, das für kürzere Bearbeitungszeiten von Asylanträgen gekämpft hat. Mit hängenden Armen am Rand zu stehen – auch das ist für Sakher keine Option.

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Ich habe Sakher angeschrieben direkt nachdem sein Post in meine Facebooktimeline gespült wurde. Mich haben seine Worte bestürzt und zugleich neugierig gemacht. Zwei Tage später haben wir uns getroffen – das Gespräch haben wir auf englisch geführt, die Übersetzungen der Zitate sind von mir.

Ich habe einen umsichtigen, wachen jungen Mann kennengelernt, der nicht müde wird zu betonen, dass eine positive Grundhaltung im Leben hilfreich ist. Ich habe einen Ausschnitt aus dem traurigsten Teil seiner Lebensgeschichte hören dürfen und anschließend einen Menschen erlebt, mit dem es wirklich lustig war, Fotos zu machen.
Es ist mir ein Anliegen, Sakher zu unterstützen: zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Derzeit wohnt er befristet in Ehrenfeld. Spätestens ab Ende Februar braucht er eine neue Unterkunft, am liebsten natürlich dauerhaft. Eine kleine Wohnung oder ein Appartement – Sakher würde gern alleine wohnen. Ich freue mich über Unterstützung und Tipps jeder Art – und Sakher erst recht.

09.01.2016

8 Comments

  • Anonym sagt:

    Danke für diesen Beitrag! Auch ich befürchte, dass verallgemeinert und instrumentalisiert wird. Umso wichtiger sind die aufklärenden, gerade rückenden Aussagen wie Du sie zeigst, mit viel Einfühlungsvermögen, aber unsentimental. Danke. Angelika Trahms.
    P.S. Leider weiß ich keine Wohnung, ich lebe nicht in Köln.

  • smilla sagt:

    Danke, Angelika!

  • ChELseA LaNE sagt:

    Liebe Smilla,
    ganz herzlichen Dank. Dein Bericht hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Wieder einmal hat es eine widerliche Minderheit geschafft viel kaputt zu machen. Ich wohne in der Nähe von Köln, eine Freundin von mir war in dieser besagten Nacht an Hauptbahnhof. Und ich merke die Angst, die sich schleichend verbreitet. Besonders unter uns Frauen. Und dann geht es mir ans Herz, wenn ich sehe und lese, dass sich andere Flüchtlinge für die Übergriffe fremd-entschuldigen. Und ich spüre ihre Ängste, wie es denn weitergehen soll. Ich habe soooo eine Wut, weil hier ohne Sinn und Verstand viel zertört wurde und den "anständigen" und bemühten Flüchtlinge ein Teil ihrer Zukunft zerstört wurde. Ich wünsche Sakhir viel Glück für seine Zukunft und ich bedanke mich bei ihm für seine Worte und seinen Mut.
    Ganz herzliche Grüße
    Claudia

  • Anna sagt:

    Ich kann mich Angelika einfach nur anschließen – leider auch darin, keinen Wohnungs- oder sonstigen helfenden Hinweis zu haben.

  • kreta kano sagt:

    HALLO Smilla,
    ich komme nicht aus Köln, deshalb habe ich auch keinen Wohnungstipp. Aber ich habe mit großem Interesse diesen Post gelesen. Momentan geschieht so vieles in Deutschland, und dabei wird es auch Probleme geben. Ich wünsche mir, dass unser Land alles schafft, was wir uns vorgenommen haben. Damit das gelingen kann, ist ganz viel Initiative notwendig, auch die von Asylbewerbern. Ich wünsche mir mehr Menschen, wie Sakher, die sich äußern und versuchen irgendwie konstruktiv und positiv zu sein. Auch aktiv an diesem schwierigen Prozess teilnehmen. Meine besten Wünsche.

  • Danke für diesen Post und das dahintersichverbergende Engagement!

    Und viel Glück bei der Wohnungssuche!

    ♥ Franka

  • Angelika sagt:

    Vielen Dank für diesen mitfühlenden Bericht!
    Herzliche Grüße aus Berlin
    Angelika

  • Rumpelkammer sagt:

    eine sympathischer junger Mann
    ich finde es bemerkenswert dass jemand der solche schlimmen Dinge erlebt hat nicht bitter wird..
    und solch eine Fröhlichkeit ausstrahlt
    ich wünsche ihm alles Gute
    liebe Grüße

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