Präsenz

Bei einem Spaziergang am Rhein vor ein paar Wochen geht Tara an mir vorbei. Ich sehe für einen Sekundenmoment in ihre Augen, sie ist vertieft in ein Gespräch. Es braucht ein paar (einige, um ehrlich zu sein) Meter, bis mein Impuls zu einer Handlung reift, aber dann kehre ich um und eile ihr hinterher, um sie anzusprechen. Ich frage sie, ob sie bereit wäre mich für ein kleines Blog-Portrait zu treffen, erkläre kurz worum es geht und wir gehen auseinander. Ich weiß also nichts von ihr außer ihren Namen, als wir uns 2 Wochen später treffen; wieder am Rhein, in der Nähe des Ortes unserer ersten Begegnung.

„Tjaaa … ich studiere Kunstgeschichte und Anglistik, ich bin bei einer freien Theatergruppe und ich arbeite ziemlich viel, um Geld für die Miete zu haben … mehr ist eigentlich über mich nicht zu sagen,“ antwortet Tara auf mein vages „Erzähl doch mal…“.
Natürlich ist viel mehr zu sagen, aber so ein Gespräch will sich ja stimmig entfalten.

Ich schlage vor, erst mal ein paar Fotos zu machen und bitte Tara auf einer Bank Platz zu nehmen.
Oft verändert sich etwas, sobald ich die Kamera anhebe; eben habe ich noch einen entspannten Menschen vor mir, dann kommt die die Kamera dazu – und Zack – ist alles anders: Keiner mehr Zuhause. Eine Kamera ist imstande, Menschen von sich selbst wegzutreiben, sie verlassen quasi fluchtartig ihr eigenes Gebäude und es braucht Zeit bis sie wieder zurückkehren. Das ist bei Tara anders. Sie sieht in meine Kamera und verschwindet dabei nicht. Sie bleibt einfach da und guckt. Das ist wirklich einigermaßen erstaunlich und das sage ich auch. Ich frage, ob das vielleicht an ihrer Theater-Erfahrung liegt. „Das wollte ich grade sagen; das hilft natürlich.“ Präsent bleiben beim gesehen werden – beim angesehen werden – das ist etwas, das Tara beim Theaterspielen, bei Schauspieltrainings gelernt und erfahren hat. „Eigentlich ist das ja wie im alltäglichen Leben, wie im Miteinander, man agiert und kommuniziert. Man lernt beim Schauspieltraining aber, wie etwas im Innen nach Außen wirkt. Man lernt zu beobachten, vor allem sich selbst.“

Tara ist überzeugt, dass Bewusstheit und Beobachtung helfen und unterstützend wirken: Ob man jemandem in die Augen guckt oder ob man den Blick vermeidet, wie man da steht, wie die Körperhaltung ist, wie die Atmung ist. Ob man überhaupt noch atmet oder gerade mal nur noch die nötigste Luft holt. All das ist Teil vom sich zeigen, vom präsent bleiben in alltäglicher Kommunikation. Im Theater ist es Teil des Instrumentariums das hilft auszudrücken, was ausgedrückt werden soll.

„Eigentlich sollte das jeder Mensch lernen – also jeder sollte die Chance haben das lernen zu können. Ich habe viel in meiner Schauspielgruppe gelernt, aber eigentlich hätte ich das schon viel früher brauchen können. In der Pubertät zum Beispiel, wenn sich so viel verändert, wenn man plötzlich Brüste bekommt und sich eigentlich nur verstecken will,“ sagt Tara und macht zur Veranschaulichung die Schultern rund. „Dann diese Bewusstheit zu haben was Atmung und Körperhaltung ausmachen um bei sich zu bleiben. Das hätte mir geholfen“, sagt sie und richtet sich wieder auf.

Die Theatergruppe, von der sie Teil ist heißt ‚Port in Air‘. Im Mai haben sie mit einem neuen Stück Premiere: ‚Killing Anton‘ heißt es. Zum ersten Mal spielt Tara nicht mit, sondern ist als Regieassistentin und für organisatorisches zuständig. Beim letzten Stück war sie beides: Schauspielerin und Regieassistentin: „Das war aber zu viel. Irgendetwas leidet immer.“ Also hat der Regisseur gesagt, sie müsse sich entscheiden. Tara hat sich für Regieassistenz entschieden, weil sie das am wenigsten kannte.

In dem Stück ‚Killing Anton‘ geht es um den österreichischen Komponisten Anton Webern, der kurz nach Kriegsende von einem Soldaten versehentlich erschossen wurde. Das Stück beschreibt den Versuch des Soldaten, zu verstehen, wen – welchen Menschen er getötet hat.
Webern war kein Nazifreund, hat aber dennoch mit bestimmten Aspekten des Regimes sympathisiert. Das Stück unternimmt den Versuch Widersprüche zu verstehen. „Es ist ein schwieriges Thema, man bekommt keine Lösung. Ich mag es auch nicht, wenn man aus dem Theater geht und denkt: ‘Ah, nun hab ich es verstanden.‘ So einfach ist das Leben nicht.“

16.02.2020

11 Comments

  • Anna Mantei sagt:

    Gestern war ich Teil einer Hochzeitsgesellschaft und habe nun deshalb eine sehr frische Erinnerung an dieses merkwürdige Gefühl, was mich jedesmal befiel, wenn ich bemerkte, dass die Fotografin (schade, dass es nicht Du warst, Smilla!) die Kamera gerade auf mich richtete. Ob ich dabei „da blieb“ oder „verschwunden bin“, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich halte leider letzteres für gut möglich. Ich finde dieses „Phänomen“ hier jedenfalls wunderbar beschrieben! Danke!

    Tara scheint eine interessante, sympathische Persönlichkeit zu sein!

    Das Brüste-Beispiel kenne ich mehr als mir lieb ist…

  • Simone sagt:

    Allertollste Fotos. Und der Text dazu und Tara ❤

  • Mika sagt:

    Was ich schon längst mal fragen wollte – und jetzt mit der schönen, in sich ruhenden Tara auch ein guter Moment zu sein scheint: wählst Du alleine die Fotos für einen solchen Post aus oder sucht ihr (also in diesem Fall Tara und Du) zusammen aus?
    Schönen SO und liebe Grüße, Mika

    • Smilla sagt:

      Liebe Mika, das passiert auf die eine oder andere Weise immer in Abstimmung. Während ich fotografiere zeige ich schon immer Fotos auf der Kamera, um zu sehen, ob sich die Menschen darauf wiederfinden. Viele sagen dann, ‚Ach, such du aus‘. Manchmal haben wir es auch direkt festgelegt, aber tatsächlich eher selten.
      Wenn ich aus irgendeinem Grund unsicher bin, ob die Menschen sich auf den Fotos mögen, schicke ich die Fotos vorher und markiere dabei die Auswahl, die ich getroffen habe.
      Das mache ich mit dem Text manchmal genauso. Wenn ich unsicher bin ob etwas ok ist frage ich nach. Es ist ja so, dass ich in der Regel Menschen vorstelle, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, sie sind also nicht daran gewöhnt irgendwo ‚öffentlich‘ vorzukommen. Das finde ich wesentlich und unbedingt zu beachten, zumindest bei der Art wie ich den Blog schreibe und auffasse.
      Man kann das sicher auch anders handhaben, aber mir wäre nicht wohl dabei.
      Manche signalisieren sehr klar, dass sie mir vertrauen und zuversichtlich sind, dass schon alles gut passen wird, bei manchen spüre ich, dass sie soagr gar nicht involviert sein möchten. Wenn ich beim schreiben grundsätzliche Zweifel habe frage ich nach oder lasse den Beitrag unter Umständen auch ganz weg. Es ist ist immer ganz unterschiedlich, wie die Menschen selbst.

  • Hauptschulblues sagt:

    Welch eindrucksvolle Bilder einer schönen Frau.

  • birgit brabetz sagt:

    wunderschöne bilder und ein text zum jedes-wort-unterschreiben
    und mir gefällt natürlich am meisten das foto auf dem sie lacht – zum herzaufgehen

  • Kaltmamsell sagt:

    Tiefe Einsichten ins Fotografieren, vielen Dank. Und ich kann mich nicht an ein Gesicht erinnern, das sich so sehr durchs Lächeln verändert wie das der schönen Tara.

  • Werner sagt:

    Sehr einfühlsames Portrait eines Menschen. Habe ich gerne gelesen und gesehen.
    Liebe Grüße,
    Werner

  • arboretum sagt:

    Insbesondere beim dritten Bild musste ich an Botticellis „Weibliches Idealbildnis“ denken, auch wenn Taras Haar dunkel und nicht blond ist. Wegen des Blicks und überhaupt.

    Fotos, Text und Tara finde ich beeindruckend.

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