Löwenzahn

Von weitem sehe ich eine Frau, die gebeugt und mit suchendem Blick die Wiese abschreitet, sich immer mal bückt, ins Gras greift und dann etwas in einen kleinen Beutel steckt. Ich frage mich, was sie da wohl sammelt.
Um sie nicht zu erschrecken nähere ich mich ihr in einem weiten Halbkreis, denn sie ist so vertieft in ihr Tun, dass sie mich lange nicht bemerkt. Erst als meine Füße in ihr Gesichtsfeld rücken blickt sie auf, und nun sehe auch ich zum ersten mal, wem ich begegne.
Elsa ist Russin. Sie spricht ein zärtlich klingendes Deutsch mit russischer Färbung. Als ich ihr erkläre, warum ich sie anspreche und frage ob ich sie fotografieren darf, lacht sie überrascht. „Ich bin eine alte Frau“, sagt sie, als wäre damit die Absurdität meiner Idee ans Licht gebracht. Während sie das sagt sehe ich in ihrem Blick und in ihrem Lächeln Jugend und Alter zugleich. „Sie sehen toll aus!“, antworte ich mit ehrlicher Begeisterung.

Elsa sammelt Löwenzahn. Daraus kocht sie eine Art Sirup. „Man darf nur die Blüten abzupfen. Die Wurzeln müssen bleiben!“ Auf drei- bis vierhundert Blüten kommt ein Kilo Zucker. In diesem Jahr sei die Wiese sehr leer, sagt Elsa: „Im letzten Jahr war alles voll.“ Elsa hat Sorge, Löwenzahn zu sammeln könne verboten sein. Ich kann mir das nicht vorstellen und stelle später eine kleine Recherche an, die mir das bestätigt. In der freien Natur darf man vom wild Gewachsenem gar nicht mal so viel sammeln, pflücken oder ‚entnehmen‘, wie es im Amtsdeutsch heißt. Beeren im Wald nur in Maßen und für den Eigenbedarf, Blumen auf der Wiese am besten gar nicht oder höchstens einen kleinen Handstrauss. Viele Kräuter, Blumen, Pilze stehen unter Artenschutz oder sind wichtig für das ökologische Gleichgewicht. Einzig Löwenzahn und Gänseblümchen sind von offiziellen Beschränkungen ausgenommen, wie es scheint.

Elsa ist Schauspielerin. In Kasachstan war sie am Theater beschäftigt. In Deutschland ist es schwierig für sie als Schauspielerin zu arbeiten.
Irgendwann hat sie von einem russischen Theater in Köln gehört: dem Pridwornij Theater. Dort ist sie nun im Ensemble. Am 22.4 sind sie mit einem Stück zu Gast in der Bühne der Kulturen. Es heißt „Die Schönheitskönigin“ und wird auf Russisch gespielt. Nach der letzten Probe hat Elsa sich Texte, Änderungen und Regieanweisungen auf Band gesprochen. Das hört sie nun, während sie Löwenzahn sammelt. Elsa spielt gerne Charakterrollen. „Wie ist jemand, wie geht er, wie bewegt er sich, was denkt er, warum ist er wie er ist, warum ist er dieser Mensch. Was fühlt er…“ Das, sagt Elsa, sei das Schöne an der Arbeit; sich auch in schwierige oder für einen selbst abwegige Charaktere hineinzuleben.
„Man muss schon wissen, wofür man lebt“, sagt Elsa – allerdings in einem anderen Zusammenhang. Ich finde aber, es ist ein schönes Schlusswort.

11.04.2017

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