Alle Farben

Aycan ist auf der Istiklâl Caddesi unterwegs – der größten Einkaufsstrasse in Beyoğlu – um neue Mitglieder für Greenpeace zu werben. Sie ist 20 Jahre alt und studiert Politik an der Universität Istanbul.
Unterhalten können wir uns nicht: mein dürftiges Türkisch lässt nicht im Ansatz ein wirkliches Gespräch zu, und Aycan spricht kein Englisch. Und trotzdem sind es diese Begegnungen mit Menschen, die mir Istanbul immer wieder aufs Neue erschließen; ob nun mit vielen oder wenigen Worten.

Manchmal denke ich, die Unmöglichkeit miteinander zu sprechen, also so richtig mit Differenzieren, Nachfragen und allem Zipp und Zapp, diese Unmöglichkeit eröffnet eine andere Möglichkeit: ohne das wichtige Werkzeug eines Erwachsenen im Umgang mit anderen Erwachsenen – der Sprache begegnet man sich eher mit den Mitteln eines Kindes. Wie auf dem Spielplatz. Wenn man nicht gerade signalisiert, dass man dem anderen seine Schaufel wegnehmen möchte geht das meistens gut, meiner Erfahrung nach. Da wird nach Wörtern gesucht, bis man einsehen muss, dass auch viele Wiederholungen des vermeintlich simpelsten Ausdrucks nichts nützen. Arme, Hände, Finger fliegen durch die Luft, es wird gekichert und gelacht und gemeinsam sieht man irgendwann ein: reden wird nicht klappen. Umso mehr feiert man jeden kleinen Verständigungserfolg, den man sich zusammen erspielt.

Wie ich so mit Aycan dastehe kommen plötzlich zwei junge Männer vorbei. Franzosen, die sich freuen dass Aycan für Greenpeace unterwegs ist: „Wir sind in Frankreich aktiv bei Greenpeace!“ sagt einer. Sie sind übermütig, offenbar begeistert von Aycans Haaren und tänzeln etwas zu nah um sie herum. Aycan versteht natürlich nicht, was die beiden ihr zu sagen versuchen, der eine greift in ihr Haar und sagt sowas wie ‚Keep on rolling‘, dann ziehen sie weiter. Aycan und ich sehen uns an und es ist klar; das war alles insgesamt etwas distanzlos, wir schütteln beide den Kopf und lachen drüber. Gemeinsam für den Moment.

Leider unscharf, ach, was solls…

4 Comments

  • Anna sagt:

    In Gedanken auch an unseren schriftlichen Wortwechsel kürzlich nehme ich lesend und schauend von Herzen Anteil an dieser Deiner Begegnung mit Aycan im von hier aus gesehen fernen Istanbul!

  • Anonym sagt:

    Liebe Smilla!

    Danke für deinen schönen Blog, den ich seit Jaren verfolge.
    Erst ein einziges Mal habe ich mich bisher hier geäußert seitdem, aber im Stillen erfreu ich mich immer wieder an deinen Bildern & Zeilen.
    Deine Porträts sind so einfühlsam & liebevoll und beides vermisse ich oft, wenn ich das In-Kontakt-Treten der Menschen mit sich und der Welt heutzutage beobachte und erfahre.
    Mehr Zeit & Raum für aufmerksames Wahrnehmen, Bewegen und Sich-Bewegen-Lassen und spürbare Begegnungen.
    Das wünsch ich mir – am besten dauernd 🙂

    Einen anonymen, aber lieben Gruß an dich!

  • smilla sagt:

    Lieben Dank für diesen schönen Kommentar! Und Grüße vom Bosporus.

  • annette sagt:

    Hallo Smilla, ich habe lange nicht mehr in deinen blog geschaut und bin freudig überrascht dass du wieder aus Istanbul schreibst. Ich bin auch verliebt in die Stadt und habe sie ungefähr 15 mal besucht, die Stadt macht süchtig. Deinen Stil um die Stadt zu erkunden liebe ich auch sehr. Dass die Strassenbahn in Beyolu verschwunden ist, wusste ich auch noch nicht. Wir zweifeln ob wir nochmal reisen sollen, oder die Stadt wie früher in Erinnerung halten sollen. Aber ich habe richtig Heimweh gekriegt beim Lesen deines blogs.
    Liebe Grusse von Annette

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